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Auf Glatteis

Piz Palü: Luftige Hochtour in der Berninagruppe

7 Minuten Lesezeit
Der Piz Palü in der Berninagruppe gehört zu den "großen" Gipfeln in der Ostschweiz. Seine drei mächtigen Nordwandpfeiler locken nicht nur schaulustige Sandalentouristen auf die Diavolezza, sondern auch kletterfitte Hochtourengänger aufs Glatteis.

Irgendwie begleitet mich der Regen dieses Jahr besonders gerne – zumindest, wenn mich mein Eindruck nicht trügt. Auch wenn das feuchte Nass gelegentlich nervt, ist es für mich in den meisten Fällen nicht wirklich schlimm. Immerhin gibt mir der Regen jedes Mal Anlass in Bergführern und Zeitschriften zu blättern und neue Touren zu planen. Wenn ich es mir recht überlege, ist der Regen sogar die Motivation für so manche Tour, frei nach dem Motto: Raus aus dem Regen, rauf auf den Berg. Einige Seilpartner sehen die Sache mit dem Niederschlag leider nicht ganz so entspannt …

Wetterglück und Wetterpech am Piz Palü

„Wenn es nicht gleich aufhört zu schiffen, fahr‘ ich mit der Bahn rauf!“ murrt es aus meinem Bus am Parkplatz der Talstation an der Diavolezza-Bahn. Nach einem frühen Aufbruch in Innsbruck erreichen wir zur Mittagszeit über Pontresina die Berninagruppe in der Ostschweiz und packen unsere Rucksäcke. Es regnet in Strömen. Die angekündigte Kaltfront ist im Anmarsch, wie es der Wetterbericht vorhergesagt hat. Aber erst gegen Abend soll sie die Alpen überquert haben und einem neuen Hoch Platz machen – soweit jedenfalls die hoffnungsvolle Theorie.

Hochtourengeher geht über einen schneebedeckten Berghang hinauf Richtung Gipfel.
Der Piz Palü ist mit seinen drei mächtigen Nordwandpfeilern ein echtes Traumziel. | Foto: Tobias Zehetmeier

Dieses Mal haben wir die komplette Hochtourenausrüstung dabei, denn es geht auf den Piz Palü (3.900 Meter). Zusammen mit dem Piz Bernina bildet er zwischen dem schweizerischen Graubünden und dem italienischen Veltlin eine der bezauberndsten Gletscherlandschaften der Alpen. Der Berg lässt mit seiner gewaltigen Nordflanke und den drei ebenmäßigen Pfeilern die Anforderungen seiner Besteigung und die Vielfalt der möglichen Touren erahnen. Große Spaltenzonen, steile Hänge und scharfe Firngrate erwarten den Gipfelstürmer. Dass der kurzzeitige und etwas unerwartete Wintereinbruch im August die Tour deutlich „interessanter“ gestalten wird, kommt uns beim Packen unserer Rucksäcke allerdings noch nicht in den Sinn…

Stützpunkt Berghaus Diavolezza

Erstmal gilt es zu unserem Stützpunkt, dem berüchtigten Berghaus Diavolezza, zu gelangen. Das Berghaus ist der Ausgangspunkt zu zahlreichen Touren in der östlichen Bernina. Hinter der Gemeinde Pontresina geht es zur Talstation Diavolezza. Von da aus machen uns auf, die 900 Höhenmeter schnell hinter uns zu bringen und wackeln mit vollgepackten Rucksäcken der Hütte entgegen.

„Die Hälfte der Zeit beim Bergsteigen verbringt man mit langsamem, unkomfortablem Bergaufgehen“, habe ich kürzlich in einem Artikel gelesen, in dem jemand über das Expeditionsbergsteigen berichtet hat. Ich lasse mir den Text immer und immer wieder durch den Kopf gehen. Es macht Sinn: Bergsteigen ist die Hälfte der Zeit einfach nur anstrengend und/oder unkomfortabel – oder beides zusammen.

Kletterer steigt über Fels und Granitblöcke auf
Der Eis- und Schneepanzer der Granitblöcke limitiert das Tempo. Eine Speed-Besteigung des Piz Palü ist keine drin. | Foto: Tobias Zehetmeier

Luxus-Alpinismus auf 2.900 Meter

Mit kreisenden Gedanken geht es Schritt für Schritt Richtung Diavolezza. Wer es schafft, in einen gleichmäßigen Trott zu verfallen, steht ohnehin irgendwann vor dem Ziel. Man lässt die Landschaft an sich vorbeiziehen und den Gedanken ihren freien Lauf. So marschieren wir dahin und stehen nach einiger Zeit vor … !?!

Nun, die Diavolezza ist nicht das, was man sich gemeinhin unter einer urig-gemütlichen Berghütte inmitten einer schroffen Berglandschaft vorstellt. Stattdessen thront vor uns ein Bauwerk, dessen imposante Erscheinung und Dimensionen unsere bisherigen Vorstellungen einer „Berghütte“ zurechtrückt.

Wir treten ein und lassen uns darauf ein. Ja, wir geben uns dem ganzen Luxus des Berghauses Diavolezza hin. Statt im Lager zu schlafen, lassen wir uns nicht lumpen und quartieren uns mit Halbpension ein. Abends erwartet uns ein Vier-Gänge-Menü, das uns fast vergessen lässt, dass wir hier in 2.900 Meter Höhe direkt vis-a-vis zur Bernina, der Bellavista und dem Piz Palü dinieren. So kann Alpinismus also auch aussehen! Nichtsdestrotrotz haben wir einen Plan und vergessen auch im luxuriösen Quartier nicht unser Ziel.

Erst das Vergnügen, dann die Arbeit

Wir starten um vier Uhr morgens bei sternenklarem Himmel und folgen zunächst dem Normalweg zum Piz Palü. Der Piz Trovat wird – wie der Piz Cambrena – auf seiner Westseite umgangen. Auf 3.040 Meter – soviel verrät der Höhenmesser – betreten wir Gletscherterrain. Nachdem wir uns angeseilt haben, geht es erst flach, dann immer steiler werdend bis zum Cambrena-Eisbruch hinauf. Wer den höchsten der drei Palü-Gipfel direkt oder gar die Überschreitung angehen will, müsste hier der Hauptspur folgen.

Wir verlassen jedoch den Normalweg Richtung Westen und gehen dem östlichen der drei Felspfeiler entgegen, den wir nach einem spektakulären Spaltensprung gegen 6 Uhr erreichen.

Tempo drosseln, volle Konzentration

Die letzten Meter zum Ostgipfel des Piz Palü führen über eine steile Firnschneide. Erwartungsvoll nähern wir uns dem Fels. Dabei haben wir schon von Weitem das Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Der erste Felskontakt bringt Gewissheit und Ernüchterung: Wir hatten uns auf einen verschneiten Grat eingestellt, aber durch den Schneeregen am Vortag liegt eine feine Eisglasur auf dem Granit. Das Klettern wird spannend!

Wir starten daher mit Steigeisen an den Füßen und dem Eispickel in der Hand. Die erste Seillänge über die verschneiten und unregelmäßig vereisten Platten läuft noch alles andere als rund. Schnell wird klar, dass heute keine Speed-Begehung drin ist. Das heißt für uns Geschwindigkeit herausnehmen und statt routiniertem und schnellem Steigen lieber auf Nummer sicher gehen. Man weiß ja nie, ob man nicht doch rutscht. Wir gewöhnen uns schnell an die Bedingungen und kommen trotz des Eises ganz gut voran. Sicherheit geht in so einem Gelände vor – und so setzen wir Pickel und Steigeisen noch genauer, als wir es ohnehin schon tun.

Sonne und Schatten über der Berninagruppe

Als die ersten Sonnenstrahlen über den Piz Cambrena zu uns herüberstreifen, erreichen wir den eigentlichen Grat. Die wilde, felsige Umgebung bietet ein tolles Ambiente für das morgendliche Schauspiel. Kurz halten wir inne und lassen die Stimmung auf uns wirken. Die sonnseitigen Passagen sind oft schneefrei. Sobald wir allerdings auf die Westseite des Pfeilers klettern, herrscht Eiszeit und ein kühles Lüftchen weht.

Die Kletterschwierigkeiten liegen nicht über dem vierten Grad, aber mit der Schneeauflage wird es an manchen Stellen ziemlich anspruchsvoll. Meist klettern wir direkt an der Gratkante entlang und kommen so in den Genuss des Ausgesetztseins in luftiger Höhe. Aufgrund der Bedingungen müssen wir jede Seillänge sichern, was unseren Zeitplan zum Wanken bringt. Die sechshundert Meter des Pfeilers ziehen sich ganz schön in die Länge. Nach fünf Stunden erreichen wir endlich den Ausstieg des Felsteils. Wir haben uns auf 3.650 Meter empor gekämpft.

Die letzten Meter auf den Piz Palü

Die letzten Höhenmeter unserer Tour hin zum Hauptgipfel geht es jetzt direkt an einer steilen Firnschneide entlang, die bei Blankeis ziemlich heikel sein kann. Wir rechnen schon mit dem Schlimmsten – aber uns erwarten beste Firnverhältnisse und so pickeln wir am laufenden Seil zügig und ausgesetzt dem Gipfel entgegen. Geschafft! Um 14:00 Uhr steigen wir auf dem Ostgipfel des Piz Palü (3.882 Meter) aus und machen uns über die verdiente Brotzeit her. Wir genießen die Aussicht auf Piz Bernina und den Tiefblick ins italienische Veltlin, ehe wir uns auf den Abstieg über den Normalweg vorbereiten. „Lässige Tour“, grinsen wir uns an. „Jetzt kann der Bumillerpfeiler (Anm. d. R.: der anspruchsvollste der drei Nordwandpfeiler) kommen!“

Fakten zum Piz Palü Ostpfeiler

  • Anreise: von Süddeutschland über Inntal und Landeck in die Schweiz, dann durch das Engadin nach Pontresina zur Talstation der Seilbahn auf die Diavolezza
  • Übernachtung: Diavolezza
  • Höhe: 3.900 m (Hauptgipfel), 3.882 m (Ostgipfel), 3.823 m (Westgipfel)
  • Schwierigkeit: 50° im Eis und Stellen bis IV im Fels
  • Charakter: anspruchsvolle Hochtour mit vielen luftigen Kletterstellen. Bei Neuschnee nicht zu unterschätzen!
  • Zeitangabe: Durch die schwierigen Verhältnisse haben wir sechs Stunden vom Einstieg bis zum Gipfel gebraucht. Ohne Schnee geht’s in drei Stunden.
  • Alternative Touren: Normalweg auf den Piz Palü über die Nordostflanke (ca. 4h ab Diavolezza); Überschreitung des Piz Palü mit Abstieg via Fortezzagrat (für die gesamte Überschreitung ab Diavolezza bis Bovalhütte sind ca. 8h zu veranschlagen)
  • Führer: Hochtouren Ostalpen von Rother
  • Equipment: Standardausrüstung Hochtouren, dazu Schlingen, mittlere Friends und evtl. ein kleines Klemmkeilsortiment, Eisschrauben

Weitere Touren am Piz Palü und in der Berninagruppe

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