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4000er ohne Gletscherkontakt

Über den Südgrat auf den Weissmies in den Walliser Alpen

4 Minuten Lesezeit
Ein 4000er, den Du mit leichtem Gepäck und ohne spezielle Gletscherausrüstung besteigen kannst? Das klingt verlockend - auch für unseren Bergzeit Autor Thomas! Wie die Tour über den Südgrat auf den Weißmies verlief und welche Highlights auf die Bergsteiger in den Walliser Alpen warteten, erfährst Du in diesem Artikel.

Um uns herum wabern Nebelschwaden, die nur ab und zu eine vage Vermutung über den weiteren Verlauf des Grates vor uns zulassen. Der hart gefrorene Schnee knirscht unter unseren Sohlen und kalte Windböen erschweren es, auf der schmalen Trittspur das Gleichgewicht zu halten. Die Höhenuhr zeigt über 4.000 Meter, es kann nicht mehr weit sein. Ist das da vorne der Gipfel? Vor mir verschwindet Jonas schon halb im trüben Weiß und ich folge ihm, um es herauszufinden.

Der Nebel begleitet uns immer wieder auf der Tour, bietet aber auch spektakuläre Ausblicke auf die Gipfel ringsum.

Thomas Herdieckerhoff

Der Nebel begleitet uns immer wieder auf der Tour, bietet aber auch spektakuläre Ausblicke auf die Gipfel ringsum.


Bei der Recherche nach einem 4000er, den wir besteigen können, stoßen Jonas und ich (beide leidenschaftliche Bergsteiger und Fotografen) auf das Weißmies (eth. das weiße Moos), einen 4.027 Meter hohen Berg im Schweizer Wallis. Hier soll man von Süden her in leichter Kletterei der Schwierigkeit II (UIAA) über einen Blockgrat zum Gipfel kommen. Ein 4000er, bei dem man weder Gletscherausrüstung noch spezielle Kletterausrüstung braucht? Unser Interesse ist geweckt – wäre doch super, mal so leicht bepackt in schöner Kraxelei auf einen 4000er steigen zu können.

Anreise mit Übernachtung am Furkapass

Wenn Du eine solche Bergtour in zwei Tagen durchführen willst, solltest Du schon etwas vorakklimatisiert sein, sonst wirst Du im oberen Teil mindestens mit Kopfschmerzen zu kämpfen haben. Entscheidend ist, auf welcher Höhe Du während der letzten zwei Wochen warst. Zum Glück haben Jonas und ich bereits in der Woche zuvor Touren auf über 3.000 bzw. über 2.500 Metern gemacht. Zusätzlich übernachten wir auf der Fahrt ins Wallis noch am Parkplatz des Furkapasses auf über 2.400 m, was uns auch noch etwas bei der Akklimatisierung hilft. Am nächsten Morgen legen wir die restliche Strecke ins Saastal zurück und starten am Erlebnisweg Saas-Almagell etwas oberhalb des gleichnamigen Dorfes.

Aufstieg zur Almagellerhütte

Nächtliche Kletterei über einen Blockgrat zum Gipfel

Am nächsten Morgen klingelt schon um 2:15 Uhr der Wecker. Nachdem wir etwas gefrühstückt haben, starten wir um 3 Uhr in die dunkle Nacht. Der Weg hinauf zum Zwischbergenpass ist gut markiert und auch nachts leicht zu finden, hier und da vergewissern wir uns mit Offline-Karten. Am Zwischbergenpass angekommen, schwenken wir nach links auf den Südgrat zu. Hier verläuft die Route nach Standardbeschreibung rechts vom Grat über steile Schneefelder, bis man an verschiedenen Stellen nach links auf den Südgrat wechseln kann.

Die noch gefrorenen Schneefelder machen den Aufstieg frühmorgens etwas unangenehmer als vormittags.

Thomas Herdieckerhoff

Die noch gefrorenen Schneefelder machen den Aufstieg frühmorgens etwas unangenehmer als vormittags.


Auf diesem 4000er bleibt der Schwierigkeitsgrad beim Klettern moderat (2. Schwierigkeitsgrad, UIAA).

Thomas Herdieckerhoff

Auf diesem 4000er bleibt der Schwierigkeitsgrad beim Klettern moderat (2. Schwierigkeitsgrad, UIAA).


Wir fühlen uns aber im leichten Blockgelände wohl und bleiben von Anfang an auf dem Grat, auf dem man zwei Felstürme am besten links umgeht. Die Schneefelder sind zu dieser Stunde noch hart gefroren, was den Aufstieg dort nachts unangenehmer macht als vormittags. Etwas später wird der Grat gemächlich steiler und man folgt ihm meist relativ genau.

Zwei Kletterer bei einem felsigen Aufstieg

Thomas Herdieckerhoff

Feste Felsblöcke und gute Griffe erleichtern das Vorankommen.


Die Felsböcke sind fest und bieten gute Griffe und Tritte, sodass man mit ein bisschen Routengespür nie den 2. Schwierigkeitsgrad (UIAA) übersteigen muss. Eine sehr schöne Kraxelei, auch wenn es inzwischen begonnen hat, leicht zu schneien und wir in einer dichten Nebelsuppe stecken. Wir kommen aber trotzdem gut voran und nähern uns stetig dem Vorgipfel, während es um uns langsam zu dämmern beginnt. Als wir oben aus dem Südgrat aussteigen, stehen wir vor einer eisigen Kuppe. Wir blicken zurück und in diesem Moment eröffnet sich das erste Mal ein Sichtfenster auf den beeindruckenden Portjengrat. Nun kann man je nach Verhältnissen und eigenem Empfinden Steigeisen anlegen. Wir haben sie im Rucksack dabei, fühlen uns aber dank einer gut ausgetretenen Trittspur auch ohne Steigeisen sicher. Nach der Kuppe folgen wir einem knapp einen Meter breiten Firngrat, auf dem uns das erste Mal starke Windböen von der Seite treffen. Danach geht es nochmal in leichtem Felsgelände nach oben auf den vermeintlichen Gipfel. Inzwischen sind wir wieder von dichtem, schnell ziehendem Nebel verschluckt worden. Vor uns liegt ein weiterer schmaler Firngrat, dessen Ende wir nur erahnen können. Gespannt folgen wir diesem in der Erwartung, gleich den Gipfel zu erreichen. Zwei Minuten später stehen wir tatsächlich am höchsten Punkt – wir haben es geschafft und stehen nach genau 3,5 Stunden Aufstieg alleine am Gipfel des Weißmies. Die Wolken ziehen mit irrer Geschwindigkeit über den Gipfel. Nur hin und wieder erhaschen wir kurze Ausblicke auf die Bergwelt der Walliser Alpen im Morgenlicht.

Die Bergwelt der Walliser Alpen: Für unsere Bergsteiger hat sich das nächtliche Aufstehen ausgezahlt.

Thomas Herdieckerhoff

Die Bergwelt der Walliser Alpen: Für unsere Bergsteiger hat sich das nächtliche Aufstehen ausgezahlt.


Abstieg zurück ins Saas Tal

Nach einer halben Stunde beginnen wir den Abstieg. Schon nach ein paar Metern Abstieg bessert sich die Sicht erheblich und wir haben ein wunderbares Bergpanorama vor uns. Etwas später kommen uns beim Ausstieg aus dem Südgrat die ersten Aufsteiger entgegen.

Der Nebel, der uns hier noch begleitet, weicht auf dem zweiten Teil des Abstiegs ziemlicher Hitze.

Thomas Herdieckerhoff

Der Nebel, der uns hier noch begleitet, weicht auf dem zweiten Teil des Abstiegs ziemlicher Hitze.


Jetzt gilt es, bei der Kletterei im Abstieg die Konzentration hochzuhalten. Ohne Probleme steigen wir den steilsten Teil ab und klettern bei der ersten Gelegenheit aus Abstiegssicht links auf das Schneefeld hinunter. Da es in den frühen Morgenstunden immer noch recht hart ist, kann man nicht optimal darauf absteigen – ideal wäre leicht angetaut, sodass man für den nötigen Grip leicht einsinken kann – aber schneller als am Grat zu klettern geht es allemal. Ein Stück vor dem Zwischbergenpass wechseln wir wieder auf den abflachenden Grat und steigen auf dem Wanderweg zurück zur Hütte. Dort angekommen ist es erstmal Zeit für ein Nickerchen in der inzwischen warmen Sonne. Schon ein super Gefühl, wenn man bereits vor 10 Uhr von der erfolgreichen Besteigung eines 4000ers zurückkommt. Mittags steigen wir bei ziemlicher Hitze auf dem Aufstiegsweg ab zum Parkplatz. Nach über 2100m Abstieg freuen wir uns, wieder am Auto angekommen zu sein.

Fazit

Die Weißmies Besteigung über den Südgrat bietet sehr schöne Blockkletterei, die sich für den geübten Bergsteiger ohne Sicherung bewältigen lässt. Der Weißmies Gipfel ist einer von wenigen 4000ern, der weder Gletscher- noch Kletterausrüstung erfordert und daher mit relativ leichtem Gepäck bestiegen werden kann. Uns hat besonders die Kraxelei am soliden Fels entlang des Grates und die großartige Aussicht auf die Walliser Alpenkulisse mit zahlreichen 4000ern sowie auf den eindrucksvollen Portjengrat gefallen. Für jeden Bergsteiger mit guter Grundfitness, moderaten Kletterfähigkeiten und leichter Vorakklimatisierung kann ich die Tour absolut empfehlen!

Die schöne Tour, der Ausblick und die Möglichkeit zum leichten Gepäck überzeugen.

Thomas Herdieckerhoff

Die schöne Tour, der Ausblick und die Möglichkeit zum leichten Gepäck überzeugen.


Tourdaten

  • Schwierigkeit: II (UIAA)
  • Ausrüstung: Normale Bergtourenausrüstung, Helm und je nach Bedingungen und eigenem Befinden Steigeisen und Pickel
  • Ausgangspunkt: Saas Almagell
  • Anfahrt: Von Deutschland aus über Bregenz – Vaduz – Chur – Furka Pass – Visp
  • Parken: Man spart sich etwa 250hm wenn man am Anfang des Erlebniswegs Saas Almagell parkt (wie wir), dort gibt es aber nur sehr wenige Stellplätze (mind. 5 Franken in bar bereithalten). Sonst muss man das Auto unten im Ort abstellen.
  • Etappe 1: Saas Almagell – Almagellerhütte (Aufstieg: 1.230 hm) oder Parkplatz Erlebnisweg – Almagellerhütte (Aufstieg: 970 hm)
  • Etappe 2: Almagellerhütte – Gipfel (Aufstieg: 1.200 hm) – Parkplatz Erlebnisweg (Abstieg: 2.170 m)

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