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4000er-Überschreitung

Die Spaghetti-Runde: Auf Hochtour im Monte Rosa-Massiv

8 Minuten Lesezeit
Zehn Viertausender Gipfel, gut gelegene Schutzhütten und atemberaubende Panoramen – das zeichnet die sogenannte „Spaghetti-Runde“ aus. Bergzeit Magazin Autor Christoph Stoll berichtet von der Hochtour zwischen der Schweiz und Italien.

82 Alpengipfel überragen laut UIAA die 4.000er-Marke. Davon befinden sich allein 41 in den Walliser Alpen – das kann man sogar auf dem 20-Schweizer-Franken-Schein bewundern. Die Gebirgsgruppe teilen sich der gleichnamige Schweizer Kanton Wallis und die italienischen Regionen Piemont und Aostatal. Eine der bekanntesten Hochtouren-Durchquerungen im Wallis ist die sogenannte Spaghetti-Runde. Sie entführt – je nach Zählweise und Routenführung – auf knapp zehn 4000er-Gipfel im Monte Rosa-Massiv. Dazwischen macht die Route eben auch immer wieder Station auf hochalpinen Bergdomizilen in Italien. Und weil dort natürlich auch Pasta serviert wird, kam kam die Hochtouren-Durchquerung zu ihrem Namen Spaghetti-Runde.

Die Tour im Überblick

Blick vom West- zum Mittelgipfel des Breithorns auf der Spaghetti-Runde.
Was für ein Auftakt für die Spaghetti-Runde: Blick vom West- zum Mittelgipfel des Breithorns. | Foto: Chris Stoll

Die Spaghetti-Runde startet in Zermatt im Kanton Wallis. Von dort geht es mit der Seilbahn auf den Trockenen Steg, über Pistengelände auf das Kleine Matterhorn und weiter über das Breithorn auf die Zwillinge Pollux und Castor bis zum Rifugio Quintino Sella. Im weiteren Verlauf führt die Tour über den Naso del Lyskamm zur Gnifettihütte bis am nächsten Tag der „höchstgelegene Balkon Europas“, die Capanna Margherita auf 4.554 Metern, über zahlreiche weitere Monte Rosa-Gipfel erreicht wird. Zuletzt steht mit der 4.634 Meter hohen Dufourspitze der Höhepunkt der gesamten Tour auf dem Plan, ehe über die Monte Rosa-Hütte zur Station Rotenboden der Gornergratbahn abgestiegen wird.

Die Spaghetti-Runde im Detail

Tag 1: Das Kleine Matterhorn

„Zum ersten Mal in Zermatt und dann sieht man nicht einmal was!“ Eben noch schaukelten wir verärgert durch die dichte Wolkenwand, da verlassen wir urplötzlich das einheitliche Grau und das Matterhorn türmt sich imposant vor uns auf. Was für ein Anblick!

Am Trockenen Steg angekommen, machen wir uns auf in Richtung Klein Matterhorn. Der Weg führt ständig durch das Zermatter Skigebiet und ist nicht unbedingt schön – Pistengelände eben. Die Gehzeit beträgt etwa drei bis vier Stunden. Wer frühmorgens startet, kann die Distanz zwischen Zermatt und Lodge ausgiebig zur Akklimatisierung nutzen. Nach einem kurzweiligen Abstecher auf die wolkenverhangene Gipfelplattform genießen wir dafür beim Abendessen den Blick auf den berühmten großen Bruder – das Matterhorn.

Tag 2: Besteigung Breithorn, Pollux und Castor

Bergsteiger am Ostgrat des mit Schnee bedeckten Breithorns.
Die Kletterei am Ostgrat des Breithorn ist zum Teil ordentlich ausgesetzt. | Foto: Chris Stoll

Pünktlich zum Sonnenaufgang erreichen wir am zweiten Tag den Breithornkamm. Der Gipfelaufschwung wird in den Bergführern normalerweise als wenig schwierig (WS) bewertet. Die starken, spontanen Böen lassen den überraschend schmalen Firngrat jedoch recht anspruchsvoll werden.

Nach dem Hauptgipfel erreichen wir relativ schnell und unkompliziert West- und Mittelgipfel des Breithorns. Wenige Meter weiter wird es anspruchsvoll: Beeindruckend steil fällt der von Felsspitzen durchzogene Firngrat nach beiden Seiten hunderte Meter ab. Bald erreichen wir ein Couloir – und entscheiden uns umzukehren. Aufgrund der nur schwer abzusichernden Stelle und des brüchigen Geländes wollen wir am zweiten Tag kein zusätzliches Risiko eingehen. Wir steigen hinab aufs Breithornplateau und queren dieses bis zum Fuß des Pollux.

Pollux und Castor sind 4.000er-Zwillinge – und könnten doch nicht unterschiedlicher sei: Auf der einen Seite der von Felskletterei geprägte Pollux mit gut abgesicherten Kletterstellen bis in den III. Grad. Auf der anderen der Schnee- und Eiskoloss Castor mit einer steil ansteigenden Flanke und einem erheblichen Bergschrund kurz vor dem Ausstieg zum recht ausgesetzten und trotzdem traumhaften Gipfelgrat. Der Abstieg erfolgt zum Rifugio Quintino Sella.

Tag 3: Im Dunkeln zum Felikjoch

Am dritten Tag legen wir bei Dunkelheit unsere Ausrüstung an, seilen uns an und stapfen los. Voller Spannung und Aufregung lassen wir den Weg zum Felikjoch schnell hinter uns. Jedoch werden wir in unserer Vorfreude auf eine der beeindruckendsten Gratüberschreitungen der Alpen – den Lyskamm – jäh gebremst. Wir geraten in extrem schlechte Sicht- und Wetterverhältnisse, die von der Nordostflanke des Lyskamms heraufziehen. Schon von weiter unten konnten wir sehen, wie sich Wolkenfahnen hinter dem Kamm bildeten und auf starke Winde schließen ließen. Verhältnisse, die für die Begehung eines so schmalen Firngrats mit dieser Länge und Ausgesetztheit nicht sehr wünschenswert sind. Als uns schließlich auf dem Weg zum Westanstieg zwei Bergführer auf ihrem Rückweg entgegenkommen, entscheiden auch wir uns umzukehren.

Wir treffen auf eine Seilschaft, die uns von einer Alternativroute erzählt, die nicht in den topographischen Karten eingezeichnet und nur unter Locals bekannt ist: die Querung des spaltenreichen Lysgletschers Richtung Osten.

So starten wir vom Rifugio Quintino Sella über den Gletscher, um nach einer anspruchsvollen Steileispassage (drei Seillängen mit 55+ Grad) zum Naso del Lyskamm aufzusteigen. Von hier sehen wir bereits die Capanna Gnifetti und kommen nach einer physisch wie psychisch kraftraubenden Etappe an der 1A ausgestatteten Schutzhütte an. Riesige Portionen Pasta und günstiges Bier inklusive!

Tag 4: Viertausender sammeln

Für den Folgetag schlafen wir verhältnismäßig lange und starten gegen 7:30 Uhr auf die zeitlich kürzeste und auch leichteste Tagesetappe der Spaghetti-Tour. Dennoch: Hier kann man die meisten Viertausender in Folge sammeln. Man schlängelt sich mit einer Vielzahl Gleichgesinnter die Gletscherautobahnen von Gipfel zu Gipfel, darunter Vincentpyramide, Schwarzhorn und Ludwigshöhe, und genießt dabei atemberaubende Ausblicke über angrenzende Täler aber auch entfernte Gipfel, wie Gran Paradiso, Mont Blanc und – natürlich immer präsent – das Matterhorn.

Nach etwa 5 1/2 Stunden sind wir am Gipfel der Signalkuppe angekommen – und uns wird schnell klar, warum die Capanna Margherita so bekannt und beliebt ist: Nach Osten die steil abfallende Monte Rosa-Ostwand, nach Westen der majestätische Anblick des Monte Rosa-Massivs – wir stehen und staunen.

Tag 5: Zur Dufourspitze und Abstieg über den Gornergletscher

Grenzsattel, Zumsteinspitze und Signalkuppe
Blick zurück auf Grenzsattel, Zumsteinspitze und Signalkuppe. | Foto: Chris Stoll

Trotz der kurzen Nacht – das mit dem Schlafen ist auf 4.554 Meter so eine Sache – läuft das Anziehen, Anlegen und Einseilen völlig routiniert und eingespielt. Die ersten Lichtschimmer zeigen sich am Horizont, als wir die Hütte gegen fünf Uhr verlassen. Zunächst noch leicht verschlafen, setzt bald die volle Konzentration ein. Heute steht das Highlight unserer Tour an: die 4.634 Meter hohe Dufourspitze.

Zunächst fordert uns der Aufstieg zur Zumsteinspitze, denn der Grataufschwung ist schmal und steil. Dafür werden wir mit einem unvergesslichen Sonnenaufgang belohnt, der die Welt um uns herum in rötliches Licht taucht.

Nun folgt der anspruchsvollste Part dieser Tour: Die Überschreitung des Grenzsattels, der nach beiden Seiten hin extrem steil abfällt, sowie die anschließende Fels- und Mixedkletterei zur Dunantspitze und dem finalen Ziel, der Dufourspitze. Die Kletterei muss komplett selbst abgesichert werden. Weniger erfahrenen Kletterern empfiehlt es sich, ein Set Klemmkeile und Friends dabei zu haben. Dabei resultiert die Schwierigkeit vor allem aus der Ausgesetztheit des Geländes – immer wieder hat man eine beinah hunderte Meter senkrechte Wand unter sich. Da ist volle Konzentration bis zum Gipfelkreuz angesagt.

Nachdem wir aufgrund eines Felssturzes eine alternative Abstiegsroute zum Silbersattel suchen mussten, müssen wir nur noch den langen, mühseligen Abstieg über den Gornergletscher bewältigen. Wer hier wenig zu trinken dabei hat, sollte dringend an der Monte Rosa-Hütte nachfüllen. Die Strecke zur Gornergratbahn ist extrem lang und kräftezehrend.

Überwältigt und erschöpft aber doch zufrieden mit dem Erlebten, setzen wir uns in die Bahn. Eine wunderschöne Tour durch das Monte Rosa-Massiv geht zu Ende.

Gipfel, Gehzeiten, Hütten & Schwierigkeiten im Überblick

  • Gipfel: Breithorn (Hauptgipfel 4.165 Meter), Pollux (4.091 Meter), Castor (4.221 Meter) und Felikhorn (4.093 Meter – lediglich eine kleine Kuppe östlich des Felikjochs), Naso del Lyskamm (4.272 Meter), Vincent-Pyramide (4.272 Meter), Balmenhorn (4.172 Meter), Schwarzhorn/Corno Nero (4.321 Meter), Ludwigshöhe (4.341 Meter), Parrotspitze (4.432 Meter), Signalkuppe (4.554 Meter), Zumsteinspitze (4.563 Meter), Grenzgipfel (4.618 Meter), Dufourspitze (4.634 Meter), Nordend (4.609 Meter)
  • Gehzeiten: Bergstation Trockener Steg – Kleines Matterhorn: ca. 4 Stunden; Kleines Matterhorn – Rifugio Quintino Sella: ca. 10 bis 12 Stunden; Rifugio Quintino Sella – Capanna Gnifetti: ca. 9 Stunden; Capanna Gnifetti – Capanna Margherita: ca. 5 bis 6 Stunden; Capanna Gnifetti bis Station Rotenboden der Gornergratbahn: ca. 8 bis 9 Stunden
  • Übernachtungen: Lodge Klein Matterhorn, Rifugio Quintino Sella, Capanna Gnifetti, Capanna Margherita
  • Schwierigkeiten: Technisch gesehen ist die Tour einfach und für Viertausender-Einsteiger mit Vorerfahrung sehr gut geeignet.
    • Teil 1: 45° im Eis / ZS- am Aufstieg zum Castor; sonst bis WS+ (IIIer-Stelle am Pollux)
    • Teil 2: 55° im Eis / ZS am Naso del Lyskamm, sonst bis WS+
    • Teil 3: ZS+ / III am Grenzgipfel, sonst meist WS+; Verhältnisse beim Abstieg von der Dufourspitze in den Silbersattel beachten

Wer sich noch mehr Lust auf die Spaghetti-Runde holen will, für den hat Bergzeitler Chris die Tour in beeindruckenden Bewegtbildern und Fotos festgehalten:

Achtung: Aufgrund der sich ständig verändernden Gletscherverhältnisse stellt das Bergzeit Magazin für diese Tour keinen GPS-Track zur Verfügung! Die Runde sollte nur von gut ausgestatteten, trainierten Bergsteigern in Angriff genommen und im Zweifel ein Bergführer hinzugezogen werden.

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