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Dampf auf Durchzug

Atmungsaktiv – was heißt das? Alles zu RET und MVTR

8 Minuten Lesezeit
Skibekleidung, Regenjacken, Fleeceshirts und Softshellhosen: Outdoor- und Bergsportbekleidung ist neben anderer Funktionalität meistens atmungsaktiv. Doch was heißt das eigentlich und wie funktioniert das mit der Atmungsaktivität bei Gore-Tex, Polyesterfleece und Softshell-Materialien?

Was bedeutet atmungsaktiv bzw. Atmungsaktivität?

Die Bezeichnung Atmungsaktivität ist ein umgangssprachlicher Begriff für Wasserdampfdurchlässigkeit. Unter atmungsaktiv versteht man die Fähigkeit bzw. Möglichkeit, dass Wasserdampf aus dem Inneren eines Textils nach außen entweichen kann. Speziell beim (Outdoor-)Sport sorgt atmungsaktive Bekleidung für ein angenehmeres, trockeneres Trageklima und hilft, übermäßigem Schwitzen und Überhitzung entgegenzuwirken.

Membrane, Softshell & Fleece: Worauf beruht die Atmungsaktivität?

Mann beim Trailrunning mit atmungsaktiver Regenjacke.
Die Diffusion trägt zur Atmungsaktivität der Regenkleidung bei. | Foto: GORE-TEX

Egal ob Funktionsshirt oder Regenjacke – ganz grundsätzlich basiert die Atmungsaktivität von Textilien auf trivialer Physik und Chemie. Ein Beispiel: Eine Jacke hält die Körperwärme am Träger. Mit zunehmender Aktivität steigt die Körpertemperatur – man beginnt zu schwitzen. Dabei nehmen die Temperatur und die Konzentration des Wasserdampfs – und damit der Druck – im Inneren der Jacke zu. Aufgrund des Temperatur- und Feuchtigkeitsgefälles zwischen der Innen- und Außenseite wandert der Wasserdampf durch das Textil von der warmen Innenseite zur kühleren und trockeneren Außenseite. Das nennt man Diffusion und funktioniert umso besser, je höher das Gefälle ist.

Anders als die Bezeichnung „atmungsaktiv“ vielleicht vermuten lässt, tragen derartige Jacken bzw. Textilien selbst wenig zum Abtransport der Feuchtigkeit bei. Sie bieten jedoch die Möglichkeit, dass Körperfeuchtigkeit aus dem Inneren mehr oder weniger gut entweichen kann. Wie genau – ob per Kapillarkraft oder Osmose – und wie rasch die Wasserdampfmoleküle durch das Textil dringen, hängt vom Material, dessen Zusammensetzung, Struktur und Aufbau ab. Mehr Details dazu liefern unsere Materialinformationen.

Wie wird die Atmungsaktivität gemessen?

Zum Messen der Atmungsaktivität von Funktionstextilien wie Softshell und wasserdichten Laminaten kommen vorwiegend zwei Testmethoden zum Einsatz: MVTR und RET.

Frau beim Laufen, deren Weste atmungsaktiv ist.
Beim MVT-Test wird die Menge der verdunsteten Flüssigkeit in einem Zeitraum gemessen, der RET hingegen gibt den Wasserdampfdurchgangswiderstand an. | Foto: Gore Running Wear
  • Die Moisture Vapour Transmission Rate bzw. der MVTR-Test misst die Menge der verdunsteten Flüssigkeit in einem bestimmten Zeitraum. Der MVTR-Test ist nicht eindeutig genormt, die Ergebnisse können also bei veränderten Test- und Laborbedingungen (Temperatur und Luftfeuchtigkeit) unterschiedlich ausfallen. Auch die Luftdurchlässigkeit des Gewebes wird nicht berücksichtigt. Zudem ist für den Endkunden in der Regel nicht nachvollziehbar, ob der Test an der blanken Membran, am Laminat oder dem fertigen Kleidungsstück durchgeführt wurde.
  • Die Resistance of Evaporation of a Textile (RET) gibt den Wasserdampfdurchgangswiderstand an. Gemessen wird die Kraft, die der Wasserdampf benötigt, um durch das getestete Textil zu gelangen. Für den Test wird das fertige Kleidungsstück über eine elektrisch auf 35 Grad Celsius erwärmte, poröse Sintermetallplatte gelegt, durch deren Poren Wasserdampf austritt. Dies simuliert den Schwitzprozess der Haut. Der unter standardisierten Bedingungen im Klimaschrank durchgeführte Test gilt als relativ unabhängig von Schwankungen der Temperatur und Luftfeuchtigkeit. Die Prüfmethode, der sogenannte Hohenstein-Test, wurde in den 1970er-Jahren vom Institut Hohenstein e.V. entwickelt und durch den ISO-Standard 11092 genormt. Mit der ASTM F1868 und der DIN EN 31092 gibt es weitere Testnormen für den RET. Auch die Stiftung Warentest nutzte zuletzt 2016 den RET, um die Atmungsaktivität von Regenbekleidung zu bewerten.

Wie wird die Atmungsaktivität angegeben?

Abhängig von der verwendeten Prüfmethode wird die Atmungsaktivität meist als RET- oder MVTR-Wert angegeben. Während die RET in einen abstrakten Wert in der RET-Skala umgerechnet wird, gibt der MVTR-Wert die Menge der verdunsteten Flüssigkeit pro Quadratmeter in 24 Stunden an (Beispiel: 15.000g/m2/24h). Manchmal findet man auch vereinfachte MVTR-Angaben wie beispielsweise „Atmungsaktivität: 10.000“.

Was sind gute Werte?

MVTR RET nach Hohenstein
nicht atmungsaktiv  > 20
atmungsaktiv  ab 3.000g/m²/24h  Bis 20
sehr atmungsaktiv 10.000g/m²/24h 6 – 13
extrem atmungsaktiv  15.000 bis 40.000g/m²/24h  < 6

Die EMPA (Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt) legt die RET-Messlatte für extrem atmungsaktive und sehr atmungsaktive Textilien mit Werten < 4 bzw. 4 bis 8 etwas strenger an als das Institut Hohenstein. Ein RET-Wert über neun gilt bei den Eidgenossen als „mäßig atmungsaktiv“, über 21 ist die Wasserdampfdurchlässigkeit „gering“.

  • Hinweis: Sowohl MVTR als auch RET sind bei der Produktauswahl lediglich als Richtwert zu verstehen. Die tatsächlichen Bedingungen des bewegten Outdoor-Alltages haben hinsichtlich Luftdruck, Temperatur und Luftfeuchtigkeit meist wenig mit jenen in den Testlabors zu tun. Hinzu kommen Wind und Bewegung. Abweichungen von der Theorie zur Praxis sind daher mehr Regel als Ausnahme.

Wassersäule und Atmungsaktivität: Wie hängt das zusammen?

Auf den ersten Blick ist die Sache ganz einfach: Je wasserdichter, desto weniger atmungsaktiv ist ein textiles Material. Die Höhe der Wassersäule limitiert die Möglichkeiten des Wasserdampftransports – oft, aber nicht immer.

Grafik von Gore Tex über die Funktion ihrer atmungsaktiven, wind- und wasserdichten Membran.
Eine hohe Wassersäule und hohe Atmungsaktivität schließen sich nicht zwingend aus. Materialien wie Gore-Tex Active wurden speziell für intensiven Sport entwickelt – nicht jedoch für schweres Gepäck. | Grafik: GORE-TEX

Schaut man genauer hin, dann lässt sich dieser Zusammenhang – speziell bei atmungsaktiver Regenbekleidung – nicht für alle wasserdichten Materialien pauschal und in gleicher Ausprägung feststellen. Auf schnellen Feuchtigkeitstransport spezialisierte Laminate wie beispielsweise Gore-Tex Active oder auch Dermizax NX erreichen in den Labortests trotz einer sehr hohen Wassersäule Spitzenwerte im Bereich der Atmungsaktivität. Andererseits gibt es auch gänzlich dichte Beschichtungen – zum Beispiel beim klassischen Friesennerz – , die gar keinen Wasserdampf nach außen entweichen lassen.

Gut zu wissen ist also, dass es sich bei Wassersäule und Atmungsaktivität um kein genormtes oder festes Verhältnis handelt. Je nach Hersteller, Produkt oder Textillaminat kann die Angabe zur Atmungsaktivität bei gleich hoher Wassersäule stark variieren. Mit Blick auf den Tragekomfort ist die Angabe zur Atmungsaktivität bei wasserdichter Regenbekleidung das interessantere Maß. Um die zu erwartende Funktionalität grundsätzlich einzuschätzen sind beide Werte hilfreich.

Atmungsaktivität und Strapazierfähigkeit: Gibt es da einen Zusammenhang?

Bei Regenbekleidung schlägt sich eine höhere Atmungsaktivität oft zu Lasten der Strapazierfähigkeit nieder. Dünne und leichte Stoffe für ultraleichte Regenbekleidung wie beispielsweise Gore-Tex Active sind für intensiven Sport gemacht – nicht für schwere Rucksäcke. Derartige Jacken bieten nicht die gleiche Widerstandsfähigkeit wie robustere Laminate mit stärkeren Oberstoffen und festeren Membranen. Bei falscher Verwendung nutzen sie sich schnell ab.

Ist winddichte Bekleidung atmungsaktiv?

Ja, jedoch ist die Luftzirkulation bei winddichter und windabweisender Bekleidung mehr oder weniger stark eingeschränkt. Die Atmungsaktivität nimmt auch hier ab, je „dichter“ das Textil ist. Wie stark, hängt auch vom Aufbau des Textils ab: Stark windabweisende Softshells mit lediglich einer sehr dicht gewebten Oberfläche sind atmungsaktiver als Laminate mit einer winddichten Membran.

Was behindert die Atmungsaktivität bei Funktionsbekleidung?

Mann beim Skifahren mit atmungsaktiver Skibekleidung.
Auch bei sportlichen Aktivitäten im Winter, wie beim Skifahren, kann man ganz schön ins Schwitzen kommen, wenn man keine atmungsaktive Kleidung besitzt. | Foto: GORE-TEX

Deine atmungsaktive Regen- oder Skijacke bringt Dich zum Schwitzen? Dafür kann es mehrere Gründe geben.

  1. Es ist zu warm.
    Damit der Abtransport der Feuchtigkeit ganz grundsätzlich funktioniert, bedarf es zwischen Innen- und Außenseite einem Temperaturgefälle von mindestens 15 Grad Celsius. Nur dann kann der Wasserdampf diffundieren. Bei höheren Temperaturen über 20 Grad oder zu vielen isolierenden Bekleidungsschichten gerät der Feuchtigkeitstransport ins Stocken – oder verweigert komplett den Dienst. Merke: Im tropischen Regenwald schützen Gore-Tex und Co. zwar vor Regen, nass wird man aber trotzdem – von innen.
  2. Das Material ist zu kalt.
    Manchmal kommt es vor, dass Schwitzfeuchtigkeit auf der Innenseite des Textils kondensiert, da das Material zu kühl ist. Das ist ein ähnliches Phänomen wie Kondensfeuchtigkeit an kalten Mauern ungenügend beheizter Räume. Kondensierende Feuchtigkeit ist bei 2,5-Lagen-Laminaten stärker zu spüren als bei dreilagigen Laminaten. Hier nimmt das Textilfutter auf der Innenseite einen Teil der Feuchtigkeit auf.
  3. Es ist zu anstrengend.
    Die Diffusion von Wasser funktioniert in Form von Wasserdampfmolekülen. Rinnt der flüssige Schweiß allerdings in Strömen, kommt die Membran mit dem Abtransport nicht mehr hinterher. Durch kondensierendes Schwitzwasser auf der Innenseite der Kleidung entsteht häufig (fälschlicherweise) der Eindruck, das Laminat wäre nicht mehr dicht. Tipp: Zusätzliche Belüftungsmöglichkeiten wie Pit-Zips unter den Armen oder Lüftungsschlitze am Oberschenkel erleichtern – bis zu einem gewissen Grad – den Abtransport von Feuchtigkeit.
  4. Die Imprägnierung ist schlecht.
    Wenn die werksseitige DWR-Imprägnierung aufgrund von Abnützung oder wiederholtem Waschen nachlässt, perlt der Regen an der Außenseite nicht mehr ab. Bildet sich an der Außenseite des Materials ein geschlossener Wasserfilm, spricht man vom sogenannten „wetting out„. Die Wasserschicht blockiert den Abtransport der Schwitzfeuchtigkeit, die Atmungsaktivität kommt schließlich zum Stillstand. Tipp: Aus diesem Grund sollte die DWR-Imprägnierung regelmäßig geprüft und gegebenenfalls reaktiviert oder erneuert werden. Anleitung: Regenjacke imprägnieren – so geht’s richtig!
  5. Die Poren sind verstopft.
    Auch ungenügende Pflege kann die Atmungsaktivität behindern. Speziell bei mikroporösen Membranen ist regelmäßiges Waschen für eine optimale Funktionalität wichtig, da die feinen Poren durch Schweißrückstände und Schmutz verstopfen können. Tipp: Mikroporöse Membrane sollten nur mit flüssigem Waschmittel gereinigt werden, da sich auch Waschpulverrückstände in den Poren ablagern können. Anleitung: Gore-Tex-Bekleidung richtig waschen und imprägnieren!
  6. Der Weg ist blockiert.
    Kurz erwähnt sei an dieser Stelle auch, dass Funktionsbekleidung nur dann „atmen“ kann, wenn der Dampf auch wirklich freie Bahn hat. Das heißt: Auch der Rucksack und zu viele isolierende Bekleidungsschichten können den Wasserdampftransport behindern. Insbesondere bei atmungsaktiver Regenbekleidung sollten also auch die darunterliegenden Bekleidungsschichten den Abtransport der Feuchtigkeit unterstützen. Lesetipp: Was ist das Zwiebelprinzip?

 

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