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Das richtige Material am Berg

Polyamid, Dyneema oder Kevlar? Material- und Knotenkunde

7 Minuten Lesezeit
Polyamid, Dyneema und Kevlar: Diese drei Materialien kommen beim Klettern und beim Bergsport allgemein bei Seilen, Bandschlingen und Reepschnüren zum Einsatz. Alles über Vorteile, Nachteile, Einsatzbereiche und Tücken der unterschiedlichen Materialien.

Im Bergsport und beim Klettern kommen heutzutage an „weichen Materialien“ – also bei Bandschlingen und Reepschnüren, Klettergurten und Seilen – insbesondere drei Arten zum Einsatz: Polyamid, Polyethylen (besser bekannt unter dem Markennamen Dyneema) und Aramid (bekannt als Kevlar). Diese Materialien haben unterschiedliche Eigenschaften, die jeder Bergsportler im Interesse seiner eigenen Sicherheit kennen sollte.

Polyamid (Nylon) – das Gummimaterial im Klettersport

Zwei Kletterer im Gelände
Verschiedene Materialien, unterschiedliche Eigenschaften – unterschiedliche Einsatzbereiche! Jeder Kletterer sollte sein Handwerkszeug kennen. | Foto: Climbing Technology

Polyamid – auch bekannt unter dem Markennamen Nylon – ist der Klassiker unter den Klettermaterialien. Die ersten Kletterseile aus Polyamid ermöglichten ganz neuartige Zuverlässigkeit. Ohne sie wäre der Klettersport in seiner heutigen Form nicht denkbar. Je nach Herstellung gibt es dynamische Seile (die bei einem Normsturz immerhin bis zu 40 Prozent Dehnung aufweisen dürfen) oder halbstatische Seile. Aber auch Klettergurte oder Klettersteigsets werden heute vielfach aus Polyamid gefertigt.

Ein Vorteil des Materials ist damit schon angesprochen: Polyamid ist sehr dehnfähig. Es kann sich deutlich mehr dehnen, bevor es reißt. Allerdings ist das Material im Vergleich auch etwas dicker und schwerer als Aramid und Polyethylen.

Polyethylen (Dyneema) – Fliegengewicht am Fels

Polyethylen – besser bekannt unter dem Markennamen Dyneema des niederländischen Herstellers Royal DSM N.V – ist sehr leicht und hat eine hohe Schnittfestigkeit. Deshalb gab es anfangs einen großen Hype um dieses neue Wundermaterial.

Das hat sich inzwischen gelegt: Zwar hat Dyneema eine deutlich höhere Zugfestigkeit als etwa Polyamid, weshalb die Schlingen deutlich schmaler sind, aber in Sachen Dehnung bleibt Polyethylen mit circa 3,5 Prozent Dehnung deutlich hinter Polyamid zurück. Zudem ist die Knotbarkeit durch die glatte Oberfläche wesentlich schlechter, was ebenfalls Gefahrenpotential birgt.

Aramid (Kevlar) – wenn’s heiß her geht

Kevlar ähnelt in vielen Punkten Dyneema. Das Material fühlt sich jedoch steifer an und ist deutlich hitzebeständiger. Es wird häufig in Kombination mit Polyamid verwendet – beispielsweise bei Bandschlingen mit einem Polyamid-Mantel, oder Hilfsleinen wie der Rapline, wo Kevlar mit Polyamid-Fasern verwoben wird.

Hybridformen zwischen Dyneema, Kevlar und Polyamid

Bei Bandschlingen gibt es oft Mischgewebe aus Polyamid und Dyneema. Sie tauchen entweder als Mischgewebe-Bandschlingen auf oder als Kern-Mantel-Seilstücke (Kern Dyneema, Mantel Polyamid) zum Standplatzbau, wie etwa die Dyneema-Polyamid-Reepschnnur Dyna.Mit von AustriAlpin.

Auch Bandschlingen aus Kevlar haben einen Mantel aus Polyamid. Diese Konstruktion ist hier besonders wichtig, weil Kevlar recht UV-empfindlich ist.

Tabelle: Vorteile & Nachteile von Polyamid, Dyneema & Kevlar

Material Feuchtigkeits-empfindlichkeit UV-Beständigkeit Schnitt-festigkeit Vorteile Nachteile Einsatzgebiet
Polyamid (Nylon, Perlon) mittel empfindlich niedrig Gut knotbar; gewisse Dehnfähigkeit hohes Gewicht, empfindlicher gegen Feuchtigkeit Schlinge für Selbstsicherung, als Standplatzschlinge
Polyethylen (Dyneema) gering mittel gut Geringes Gewicht, hohe Kantenschnittfestigkeit schlecht knotbar; schlechte Energieaufnahme Seilverlängerung, Köpfelschlingen, Sanduhren und Fädeln von Haken
Aramid (Kevlar) gering empfindlich gut Hohe Kantenschnittfestigkeit schlechte Energieaufnahme Sanduhren, Standplatzbau (gerade bei zweifelhaften Sicherungspunkten)
Hybrid (Polyamid + Dyneema) mittel/gering mittel/empfindlich mittel Kompromiss aus Polyamid und Polyethylen-Material Standplatzschlinge, Körperschlingen

Haltbarkeit von Bandschlingen aus Polyamid, Dyneema & Kevlar

Hersteller geben die Lebensdauer von Bandschlingen – wenn diese nicht benutzt werden – mit maximal zehn Jahren an. Ist eine Bandschlinge regelmäßig im Einsatz, reduziert sich die Lebensdauer allerdings durch Abrieb, UV-Strahlung und andere Faktoren erheblich. Mammut gibt bei seltener Benutzung (ein bis zwei Mal pro Woche) eine Verwendungsdauer von sieben Jahren an, bei hoher Benutzung, also mehrmals im Monat, bis zu drei Jahre.

Zwei Kletterer im Gelände.
Der typische Einsatzort von Bandschlingen: Selbstsicherung an Standpunkten. | Foto: Climbing Technology

Allerdings ist das Thema Haltbarkeit bei Bandschlingen und Reepschnüren etwas komplexer. Prinzipiell ist hier zwischen den Konstruktionsarten – Kern-Mantel-Konstruktion vs. Schlauchband – zu unterscheiden:

  • UV-Strahlung: So altert ein Schlauchband bei starker UV-Strahlung deutlich schneller als eine Kern-Mantel-Konstruktion. Das bedeutet, dass Polyamid zwar UV-empfindlich ist, aber dies beispielsweise bei Kletterseilen dadurch, dass der Kern durch einen Mantel geschützt ist, kaum ins Gewicht fällt. Findet man allerdings eine draußen gelassene Bandschlinge vor, sollte man immer Vorsicht walten lassen. Die verschiedenen Anfälligkeiten der Materialien findest Du grob eingeordnet in der Tabelle oben. Das bezieht sich auch auf fixe Expressschlingen in Klettergärten!
  • Material: Bei Polyamid erkennt man die Alterung am Aufspleißen, also der pelzigen Oberfläche des Materials. Tückischer ist das bei Dyneema, denn diesem Material sieht man die Alterung nicht an. Schon nach drei bis fünf Jahren halten sie oft nurmehr 13-15 kN, wie Tests des DAV ergaben.
  • Vorsicht mit Chemikalien: Wie alle Teile der persönlichen Schutzausrüstung beim Klettern – also etwa Seile oder Klettergurt – vertragen sich auch Bandschlingen und Reepschnüre nicht mit Säuren, Lösungsmitteln oder anderen Chemikalien. Auch wenn ihnen äußerlich nichts anzusehen ist, können sie nach dem Kontakt mit diesen Substanzen schon bei geringster Belastung reißen.
  • Schmelzverbrennung: Wie bei allen Seilen ist unbedingt auf die Gefahr von Schmelzverbrennungen zu achten. Man sollte wirklich nie (nie, nie!) direkt in einer Bandschlinge abseilen oder eine Bandschlinge zu einem laufenden Seil in einen Karabiner hängen. Unbedingt auf Seile achten, die die Bandschlinge durch Reibung beschädigen könnten!
  • Vorsicht bei fixem Schlingenmaterial: Bei gefädelten Sanduhren oder alten Köpferlschlingen sollte man ebenso skeptisch sein wie bei Fix-Expressschlingen, denn Feuchtigkeit, Sonne und mechanische Belastung lassen das Material altern und reduzieren die Festigkeit. Hier lohnt sich ein Blick in die BergundSteigen 2014.

Wichtig also: Schlingenmaterial muss regelmäßig ausgetauscht werden. Ein „geht schon noch“ gefährdet das eigene Leben und das Deines Seilpartners!

Knotbarkeit von Dyneema & Co.

Ein Sicherungsgerät vom Klettern.
Gerade beim Kontakt der Bandschlinge mit anderen Seilen muss auf die Reibungshitze geachtet werden. | Foto: Climbing Technology

Die Sache mit den Knoten ist wichtig und jeder Kletterer oder Bergsteiger muss ein gewisses Repertoire beherrschen und wissen, welche Auswirkungen diese Knoten für seine Sicherheit haben.
Knoten schwächen das Material: Wie viel, das hängt einerseits vom Material ab, aber auch vom Knoten selbst. Durch einen Knoten in der Bandschlinge kann sich die Belastungsgrenze deutlich verringern. Bei Polyamid-Bandschlingen, können das bis zu 60 Prozent sein, bei Dyneema und Kevlar sogar bis zu 75 Prozent!

Bei Dyneema kommt noch ein weiteres Problem dazu: Bereits ab einer Belastung von zwei kN beginnt ein normaler Sackstich aufgrund der glatten Oberfläche zu wandern.

Generell gilt: Wenn möglich vernähte Bandschlingen verwenden! Denn wenn Du Reepschnüre und nicht vernähtes Bandmaterial einsetzt, etwa zum Bau einer Standplatzkrake, musst Du Dich genau über Besonderheiten des Materials und geeignete Knoten informieren!

Der früher oft verwendete Bandschlingenknoten fällt übrigens in die Kategorie „Mit Vorsicht zu handhaben“, wie Pit Schubert in seinem Buch Sicherheit und Risiko in Fels und Eis  oder Walter Siebert ausführlich dargelegt haben.

Dehnung: Dyneema & Kevlar vs. Polyamid

Wie schon angesprochen: Dyneema und Kevlar sind in Sachen Seildehnung empfindlicher als Polyamid. Wer sich die Wirkung vor Augen führen lassen will, der schaue sich das Testszenario von DMM in diesem Video an – bezogen auf Faktor 1- und Faktor 2-Stürze, zusätzlich mit und ohne Knoten.

Hier wird noch einmal vor Augen geführt, warum man…

  1. … niemals direkt in eine Bandschlinge fallen sollte (etwa in einen Standplatz),
  2. … niemals, niemals in eine Dyneema-Bandschlinge fallen sollte und
  3. … niemals, niemals, niemals direkt in eine Bandschlinge mit Knoten fallen sollte – auch nicht in eine 60-Zentimeter-Schlinge.

Diese Problematik wird übrigens abgemindert, wenn man mit Seil und Mastwurf „Stand macht“.

Hilfsleinen aus Kevlar

Hilfsleinen aus einem Aramid-Polyamid-Gemisch kommen insbesondere beim Materialtransport oder dem Abseilen zum Einsatz. Sie sind sehr leicht und haben wenig Seildehnung. Edelrid hat mit der Rap Line 2 hier eine Mischung entwickelt (zum ausführlichen Rap Line 2 Testbericht).

Doch auch hier gibt es einige Tücken, wie Chris Semmel 2009 in seinem Beitrag in der Bergundsteigen beschrieben hat. Fazit: Sowohl beim Abknoten des Seilendes als auch beim Ablassen sollte man Vorsicht walten lassen. Und auch für Hochtouren sind Aramid-Polyamid-Seile problematisch, weil der Fangstoß durch die deutlich niedrigere Seildehnung steigt und damit auch die Mitreißgefahr!

Bandschlingen und Reepschnüre aus allen Materialien findest Du hier:

Mehr zum Thema Bandschlingen, Kletterseil & Co.

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