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Tal der Eisträume

Eisklettern im Pinnistal im Stubai

6 Minuten Lesezeit
Das Pinnistal in Tirol ist ein Eiskletterdorado mit großer Auswahl. Unweit von Innsbruck im Stubai finden sich Eisklettereien ab dem vierten Schwierigkeitsgrad mit klingenden Namen wie "Männer ohne Nerven", "Klein aber Fein" und "Eiszeit". Bergzeit Autor Franz Mösbauer hat sich im Pinnistal mal für uns umgeschaut.

Am Fuße des Kirchdachsockels im Pinnistal findet man sozusagen das Lebenswerk von Andi Orgler. Der Alpinist und Hängegleiter-Pilot hinterließ nach seinem tragischen Tod 2007 einige der eindrucksvollsten Linien im Eis der Stubaier, die teilweise immer noch auf mutige Wiederholer warten. Und die müssen sich die Routen erst einmal verdienen, denn raus aus dem Auto und sofort losklettern spielt es im Pinnistal nicht. Anderthalb bis zwei Stunden Zustieg entlang der Rodelbahn von Neder (Neustift im Stubai) hinauf zur Pinnisalm müssen zunächst zurückgelegt werden, ehe die Ski oder der Schlitten gegen die Eiskletterausrüstung eingetauscht werden können. Wenn das Wetter, der Lawinenlagebericht und natürlich die Eisverhältnisse stimmen, hat man dann an der Pinnisalm die Qual der Wahl.

Männer ohne Nerven im Pinnistal

Das Eisklettereldorado erstreckt sich am Talschluss des Pinnistales auf der östlichen Seite als ein riesiger Felsriegel. Im Sommer steht man auf saftiggrünen Almwiesen und kann etliche Wasserfälle rauschen hören. Im Winter jedoch verwandelt sich die Landschaft in eine Traumlandschaft aus Schnee- und Eis, die jedes Eiskletterherz höher schlagen lässt. Wie aber soll man angesichts dieser gigantischen Auswahl einen Anfang finden, oder einen Einstieg in die Eiskletterwelt im Tal?

Der linke und mittlere Bereich des Kirchdachsockels im Pinnistal: Männer ohne Nerven (1), Gully, Vorhang (2), Amphitheater, Kerze (3). Dieses Bild kann allerdings abhängig von den Bedingungen nur als grobe Orientierung dienen.

Franz Mösbauer

Der linke und mittlere Bereich des Kirchdachsockels im Pinnistal: Männer ohne Nerven (1), Gully, Vorhang (2), Amphitheater, Kerze (3). Dieses Bild kann allerdings abhängig von den Bedingungen nur als grobe Orientierung dienen.


Von der Alm kommend macht am meisten Sinn, sich an den Eisfällen und Routen von links nach rechts zu orientieren: Eisballett (WI5, 110 Meter) und Der kleine Prinz (WI 5+, 40 Meter) sind die ersten, wirklichen Eiskletterrouten. Falls sie sich bilden, gibt es einige schöne Meter aus filigranen Eisstrukturen. Leider habe ich diese Linien bislang erst einmal kletterbar angetroffen.

Der Besinnungsweg (M8.WI6, 45 Meter) ist eine der wenigen, neuen Touren und folgt dem markanten Riss rechts vom Prinz. Ziemlich steile Mixedkletterei aus dem Jahr 1991, bietet die Linie Land am Strome (M7.WI6+, 55m). Das Ganze sieht imposant aus und wurde vielleicht noch nicht wiederholt.

Ein Bilderbucheisfall im Pinnistal: Die Kerze mit ihrem Feuerzeug daneben.

Franz Mösbauer

Ein Bilderbucheisfall im Pinnistal: Die Kerze mit ihrem Feuerzeug daneben.


Die Männer ohne Nerven (WI5, 140 Meter) reißen hingegen die Statistik der Begehungszahlen des gesamten Riegels nach oben. Die Linie ist eine der frequentiertesten Touren im Pinnistal. Das ist auch kein Wunder, denn insbesondere mit dem direkten Einstieg klettert man eine geniale Tour, die steil und mächtig aus dem Talgrund herausragt. Die Tour ist bei gutem Eis genussvoll zu klettern, mit Eisschrauben gut zu sichern und meist kann man den Fall mehr hookend als schlagend ohne viel Kraft besteigen.

Besonders aufpassen muss man allerdings bereits beim letzten Teil des Zustiegs bzw. unter dem Eisfall, denn wenn sich schon eine Seilschaft in der Linie befindet kann es immer wieder zu herunterfallendem Eis kommen und man tut gut daran zur nächsten Tour weiter rechts zu wechseln.

Der nächste Klassiker im Pinnistal: Eiszeit (WI4, 55m)

Für die nächste Tour muss man ein paar Meter weiter gehen. Der Gully (WI5, 100 Meter) versteckt sich in einer dunklen Schlucht. Wer sich hinein traut, wird mit einem besonderem Ambiente belohnt, denn markanter geht es kaum. Wieder ein Stückchen weiter den Riegel entlang findet sich die Linie Vorhang (WI4 – 5-, 75 Meter). Kaum zu übersehen und oft super eingepickelt ist einfach nur als schön und genussreich anzusehen.

Moderat schwer und schön: die Eiszeit im Pinnistal

Franz Mösbauer

Moderat schwer und schön: die Eiszeit im Pinnistal


In der gleichen Genuss-Liga spielt die Eiszeit (WI4, 55 Meter). Nach dem kompakten ersten Teil und einer Stelle an der man gut pausieren kann, wird oben über eine schöne Säule ausgestiegen. Links der Eiszeit existiert manchmal die imposante Säule Giftzahn (WI6/6+, 50 Meter), die sich sehr selten kletterbar formt und ihrem Besteiger einiges an Können und Ausdauer abverlangt.

Das frostige Amphitheater

Rechts der Eiszeit steht das beeindruckende Amphitheater. Leider bilden sich in diesem Bereich die wenigsten Linien kletterbar aus. Mit den Touren Himmelsleiter (M7. WI7, 90 Meter), Metamorphose (WI7, 100 Meter), Magier (M7-.WI5, 80 Meter) und Komet (WI6.M8, 80 Meter) hat Andi Orgler wirklich beeindruckende Erstbegehungen hinterlassen. Meines Wissens wurden davon bislang nur die Routen Metamorphose und Komet vom Münchner Eiskletterspezialist Michi Wärthl wiederholt.

Dafür sorgte in den letzten Jahren ein vermehrter Wasserfluss im Bereich des Magiers für die Bildung neuer Eislinien, die auch häufiger geklettert wurden. Insbesondere im Magier direkt (WI5, 80 Meter) und im Schweizerweg (WI5, 80 Meter) hat man etwas Amphitheater-Feeling beim Eisklettern.

Schaut man um die Ecke, baut sich vor den Frontalzacken die Kerze (WI5-6, 70 Meter) auf – steil, schön und anmutig aber auch extrem pumpig. Das nötige Feuerzeug (WI6.M5.A0,45 Meter) findet man links der Kerze. Zudem zieht die Rumpelkammer (WI4+, 60m) neben der Kerze durch eine Schlucht hinauf. Geht man nur nach dem Namen hat man vorschnell geurteilt! Hinter der Schluchttour verbirgt sich eine weniger schattige und leichter zu kletternde Linie als die des oben erwähnten Gully. Etwas weiter und versteckt um die Ecke kann man in Klein aber Fein (WI5, 50 Meter) sogar noch in den Genuss von – so komisch das klingen mag – sonnigem Eis kommen.

Pumpt zum Ende immer wieder: Aber das hat das steile Eis in der Pinnistaler Kerze so an sich.

Franz Mösbauer

Pumpt zum Ende immer wieder: Aber das hat das steile Eis in der Pinnistaler Kerze so an sich.


Klein aber F(Schw)ein. Dafür sonnig. Fast eine Seltenheit beim Klettern im Pinnistal.

Franz Mösbauer

Klein aber F(Schw)ein. Dafür sonnig. Fast eine Seltenheit beim Klettern im Pinnistal.


Im oberen Stockwerk

Eher selten geklettert wird im oberen Stockwerk, das man über die Ausstiege einer der vorangehenden Routen erreichen kann. Oft ist das Eis aufgrund der exponierteren Lage ganz schön spröde und unangenehm zu klettern. Wer dort oben dennoch sein Abenteuer sucht, der findet links und in der Mitte die Gardine (WI4+, 140 Meter) und das Chamäleon (WI4, 50 Meter). Beides sind in der Regel schöne, kompakte Eisschilder. Weiter rechts davon befindet sich noch der Familiensonntag (WI4-, 150 Meter), ein optimales Ausflugsziel für eine sportliche Familie, die schönes, kompaktes Eis in ruhiger Lage sucht.

Vorsicht vor Lawinen

Bevor der letzte Akt des Tages beginnt, kann man sich entweder in der Pinnisalm mit einem Schnapserl aufwärmen oder im März nach dem Klettern die Sonne auf der Terrasse genießen. Doch zu tief sollte man nicht ins Glas schauen, da der Rückweg auf den Skiern oder dem Schlitten weiter unten oft schnell und eisig ist.

Eisklettern im Pinnistal war und ist immer etwas Besonderes, denn obwohl der Kirchdachsockel nicht gerade in Talnähe ist, bleibt das Ambiente meistens freundlich. Während zu Beginn der Eissaison der Eisaufbau noch etwas filigran und röhrig sein kann, kann man sich oft im März noch über massives Eis freuen. Allerdings darf dabei die Gefahr von Lawinen und Spindrifts nicht unterschätzt werden. Oft bilden sich diese oberhalb der Fälle in den Wänden und Rinnen, um anschließend den ein oder anderen Fall einzustauben. Im Frühjahr besteht das gleiche Problem mit Nassschneerutschen aus den Felswänden des Kirchdachs.

Übrigens, die beiden Tiroler Guido und Hechei haben versucht, die meisten Touren an einem Tag zu klettern. Über diese Frozen Rally der beiden gibt es ein tolles Video und natürlich auch schöne Aufnahmen aus dem Pinnistal.

Eisklettern im Pinnistal

Der Kirchdachsockel im Pinnistal bietet mit etwa 20 Eisfällen je nach Winter eine ganze Fülle beeindruckender Touren in alpinem Ambiente. Alle Touren erfordern mindestens den vierten Eisgrat.

  • Anreise / Parken / Zugang: Brenner von Innsbruck, Abzweigung Stubaital und weiter bis etwa 1.000 Meter vor Neustift im Stubai. Im Ortsteil Kampel (970 Meter) nach  links in Richtung Neder abzweigen. In Neder (1.017 Meter) parkt man an der Rodelbahn und geht dann mit dem Rodel ins Tal hinein bis zur Pinnisalm (1.560 Meter), das erleichtert den Abstieg. Die Routen der unteren Sektoren sind von dort in ca. 10 Minuten erreicht.
  • Beste Zeit / Ausrüstung: Januar, Februar, März, je nach Eis, komplette Ausrüstung
  • Führer / Information: Auf dem Portal Climbers-Paradise gibt es fortwährend aktuelle Informationen zum Eisklettern im Pinnistal. Natürlich bekommt man auch im Führer Eisklettern in Tirol vom Alpinverlag alle Informationen.

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