• Seit 1999 online
  • Powered by 350 Bergsportler
  • Am Puls der Berge
Eine Frage des Vertrauens

Eisklettern für Anfänger: Wie es geht und was man braucht

7 Minuten Lesezeit
Eisklettern macht auch als Anfänger Spaß! Bergzeit-Autorin Adriane Lochner berichtet von ihrer ersten Eisklettertour mit Bergführer an einem gefrorenen Wasserfall im Stubaital.

„Unglaublich, er hält!“ Das ist der erste Gedanke, der mir durch den Kopf schießt. Die Spitze des Eispickels steckt nur wenige Zentimeter im Eis, dennoch trägt er mein Gewicht. Nicht viel tiefer stecken die Steigeisen im gefrorenen Nass, auch sie halten. Ich atme tief durch, hole aus und schwinge den anderen Pickel so weit wie möglich über meinen Kopf nach oben. Das Eis knirscht, glitzernde Kristalle splittern in alle Richtungen. Voilà, der zweite Schritt – es funktioniert, ich bin Eiskletterin!

Eiskletterkurs für Anfänger im Stubaital

„Vertrauen zur Ausrüstung, das ist das Wichtigste beim Eisklettern“, sagt Bergführer Marco Span. Der 25-Jährige ist im Stubaital aufgewachsen, er klettert bereits sein ganzes Leben, seit einigen Jahren leidenschaftlich gern an gefrorenen Wasserfällen. Marco erklärt: „Das Klettern am Eis ist etwas ganz Besonderes, das kann man mit normalem Klettern nicht vergleichen.“ Denn am Fels seien die Konturen immer gleich, die Griffe dieselben. Eis könne schon am nächsten Tag ganz anders aussehen.

Was braucht man zum Eisklettern?

„Ausrüstung“ ist das Stichwort, denn da liegen die großen Unterschiede zum Klettern am Fels. Damit meine ich nicht nur Steigeisen und Eispickel, es gehört noch viel mehr dazu. Bereits über den Zustieg muss man sich Gedanken machen. Wie sind die Verhältnisse? Führt der Weg durch tiefen Schnee? Ist das Gelände steil? Herrscht Lawinengefahr? Es empfiehlt sich, immer ein Lawinenverschüttetensuchgerät (LVS) dabei zu haben, denn auch oberhalb des Wasserfalls kann der Schnee rutschen. Ein guter Helm ist zwingend notwendig, denn es stürzen oft lose Eisbrocken herunter – und manchmal auch ein Eispickel.

Dazu kommen wechselnde Temperaturen. Schlecht sind starke Schwankungen: zu kalt und das Eis wird spröde, zu warm und größere Stücke brechen ab. Zwischen minus drei und minus zehn Grad – das sind die idealen Temperaturen zum Eisklettern. Also muss man sich daran gewöhnen, alle Handgriffe – vom Sichern über das Einhängen bis zum Abseilen – mit dicken Fingerhandschuhen zu machen.

Erste Eiskletter-Erfahrungen

Beeindruckende, wilde Wassersäulen wachsen im Stubaital fast an jeder Ecke aus dem Fels. Das Eisklettern ist jedoch nicht nur Profis vorbehalten. Mit fachkundiger Begleitung darf sich auch ein Anfänger wie ich an dieses Abenteuer wagen. „Sportlich sein hilft“, sagt Bergführer Marco Span – dabei meint er vor allem Klettern am Fels, aber auch andere Ausdauer- und Kraftsportarten. Das Allerwichtigste sind meiner Meinung nach die Nerven. Höhenangst wäre fatal. Man muss vertrauen können – dem Eis, dem Equipment und dem Bergführer.

Schließlich stehen wir vor dem gefrorenen Wasserfall. Marco zeigt mir die Route: „An dieser Stelle gehen wir hoch!“ „Um Gottes Willen!“ rufe ich – ausgerechnet da, wo es am glattesten aussieht. Instinktiv hätte ich eine Route mit natürlichen Strukturen als Steighilfe ausgesucht, so wie am Fels. Der Bergführer erklärt: „Wasser kann auf unterschiedliche Arten gefrieren. Dabei entstehen sehr schöne Formen – Tropfen oder Röhren, die sind aber schlecht zum Klettern. Bläuliches Eis ist hingegen ideal. Es ist Stück für Stück gefroren und daher am kompaktesten, das heißt, es beinhaltet wenig Luft, bricht nicht so leicht und ist daher sicherer.“ – „Leuchtet ein“, denke ich und erhebe keine Widerworte mehr.

Eisschrauben setzen

Marco steigt vor, ich sichere ihn und beobachte, wie er die Eisschrauben setzt. Auch hier zahlt sich Erfahrung aus, denn das Eis ist graduell unterschiedlich, es kommt auf Zentimeter an. Man muss ganz genau wissen, wo man die Schraube setzt und welche Länge man benutzt. Allgemein gilt: Je länger die Schraube, desto besser hält sie. Allerdings sollte sie komplett im Eis versenkt sein und nicht an den Fels stoßen.

Nach knapp 30 Metern baut Marco den ersten Stand und gibt mir das Signal zum Nachkommen. Auch im Nachstieg ist die mittelschwere Tour – Schwierigkeitsbewertung WI 4- am Tröglerfall für Ungeübte recht deftig. Bereits nach den ersten Metern brennen meine Füße wie Feuer und mir wird klar, dass meine Schuhe für diese Tour nicht die optimale Wahl sind. Obwohl es ein grober, steigeisenfester Bergschuh ist, der mir am Klettersteig treue Dienste geleistet hat. Doch mit „steigeisenfest“ hatte der Hersteller offenbar nicht unbedingt Eisklettern im Sinn. Die Sohle ist zu weich, die Spitze knickt immer wieder ab und ich halte zu viel Gewicht nur mit den Zehenspitzen. Was beim normalen Klettern gang und gäbe ist, scheint beim Eisklettern kontraproduktiv zu sein, denn es kostet Halt und Kraft. „Skischuhe sind auch nicht die ideale Lösung“, sagt der Bergführer – am besten wären richtig feste, kipphebeltaugliche Bergstiefel.

Im steilen Eis, oder: Wohin mit den Pickeln?

Bei der Exe stoße ich auf ein anderes Problem: Wohin mit den Eispickeln? Ich habe keine Hand frei und die Pickel haben keine Schlaufen für das Handgelenk – „sicherheitshalber“, hatte Marco zuvor erklärt, denn große Brocken könnten herausbrechen und Pickel samt Arm mitreißen. Aber wie komme ich an die Exe? Umständlich wurschtle ich herum, bis die Eispickel im Karabiner am Klettergurt befestigt sind. Dann packe ich Exe und Schraube ein. „Viel zu umständlich“, sagt der Bergführer, „wenn du die Pickel fest ins Eis schlägst, halten sie schon.“ Jedoch solle ich darauf achten, sie immer vertikal auszuhebeln, beim Hin- und Herwackeln könne die Metallspitze abbrechen.

An diesem Tag schaffen wir zwei Seillängen, das entspricht etwa 50 Metern. Meine Unterarme brennen, ich bin am Ende meiner Kräfte, hänge im Stand und würde am liebsten ein Nickerchen machen. Gleichzeitig bin ich stolz – Eisklettern hat den Ruf, ein Sport für starke Männer zu sein. Hier ist der Beweis, dass es auch kleine Mädchen schaffen! Bevor ich abseile, atme ich noch einmal tief durch und genieße das Gefühl hier oben zu sein, mitten im wilden Eis, diesem frostigen, wunderschönen und doch so ehrfurchtgebietenden Element.

 Weitere Informationen zum Eisklettern

  • Eisklettern ist in den vergangenen Jahren immer beliebter geworden. Gerade im Stubaital ist die Sportart populär, denn es gibt relativ
    Ein Eiskletterturm.
    Der Eiskletterturm am Stubaier Kletter bietet sichere „Toprope“-Trainingsverhältnisse für Anfänger. | Foto: A. Lochner

    viele Wasserfälle – etwa 20 werden regelmäßig begangen. Sie tragen Namen wie „Grawa-Eisgärten“ oder „Schneewittchen“. Im benachbarten Pinnistal heißen sie „Vorhang“, „Eiszeit“ oder „Männer ohne Nerven“.

  • Die Schwierigkeitsgrade bei Wasserfällen richten sich nach Steigung und Kompaktheit des Eises. Der einfachste Schwierigkeitsgrad WI1 hat zum Beispiel 40 bis 70 Grad Steigung bei durchgehend kompaktem Eis. WI7 ist die Grenze des Machbaren mit Überhängen und dünnen, freistehenden Eissäulen (laut DAV-Info-Material).
  • Bevor man sich an den Wasserfall wagt, sollte man das Steigen mit Pickeln und Steigeisen üben. Am besten eignet sich dazu der Eisturm am Stubaier Gletscher gleich neben der Liftstation Gamsgarten. Der 17 Meter hohe Turm ist vor alpinen Gefahren sicher und bietet sichere Toprope-Trainingsverhältnisse unter fachkundiger Anleitung. Einsteigerkurse finden nach Vereinbarung statt. Jeden Freitag im Winter von Dezember bis Februar gibt es dort ab 13.00 Uhr für 10 Euro ein Schnuppertraining, für das keine Voranmeldung nötig ist. Für das Schnuppertraining sind Ski- oder Snowboardschuhe ausreichend.
  • Ob Eisklettern möglich ist, hängt stark von den Bedingungen ab. Die Hauptsaison dauert von Mitte Dezember bis Ende Februar. Aktuelle Verhältnisse an den Wasserfällen können beim Bergführerbüro Stubai-Alpin in Neustift angefragt werden. Dort stehen auch ortskundige Bergführer als Tourenbegleiter bereit.
  • Die passende Ausrüstung fürs Eisklettern gibt’s bei Bergzeit:

 

Mehr zum Thema Eisklettern

Abonnieren
Benachrichtige mich zu:
0 Comments
Inline Feedbacks
View all comments

Unsere Top Outdoor Kategorien


Bergzeit Magazin - Dein Blog für Bergsport & Outdoor

Willkommen im Bergzeit Magazin! Hier findest Du Produkttests, Tourentipps, Pflegeanleitungen und Tipps aus der Outdoor-Szene. Von A wie Alpspitze bis Z wie Zwischensicherung. Das Redaktionsteam des Bergzeit Magazins liefert zusammen mit vielen externen Autoren und Bergsport-Experten kompetente Beiträge zu allen wichtigen Berg- und Outdoorthemen sowie aktuelles Branchen- und Hintergrundwissen.