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Die große Seil-Liebe

Das Beal Joker Unicore Golden Dry Kletterseil im Test

9 Minuten Lesezeit
Das Beal Joker Unicore Golden Dry ist ein Klassiker unter den Kletterseilen. Bene Hirschmann hat das äußerst leichte und dünne Seil beim Sportklettern und Alpinklettern getestet.

Wie schön wäre es, wenn es ein Seil gäbe, mit dem man jede Spielart des Kletterns bestreiten kann. Mit dem man ohne großartigen Mantelverschleiß staubige Routen in Franken auschecken und am Wochenende drauf im Wilden Kaiser eine klassische Alpinroute erobern kann. Mit dem man gemeinsam durch dick und dünn gehen kann.

So wie die einen nach der großen Liebe suchen, suchen die anderen nach dem perfekten Kletterseil. Für dieses Klientel kann Abhilfe geschaffen werden. Das „Joker“ ist ein Klassiker aus dem Hause Beal und ein Klassiker unter den Allrounder-Seilen. Für meinen Test hatte ich das Seil in 70 Meter mit der leistungsfähigen Golden Dry-Imprägnierung zur Verfügung.

Erster Eindruck: Leicht, dünn und abriebfest

Wenig beansprucht ein Seil so extrem wie das intensive Ausbouldern von Routen. | Foto: Bene Hirschmann
Wenig beansprucht ein Seil so extrem wie das intensive Ausbouldern von Routen. | Foto: Bene Hirschmann

Das ständige Wechselspiel zwischen „Zu“, „Locker“, „Rauf“ und „Ab“ beim Ausbouldern macht dem Mantel von vielen Seilen schon nach wenigen Sessions zu schaffen. Besonders in Gebieten mit staubigem Wandfuß gelangt feiner Dreck in das Seilgewebe und fördert den Abrieb des Mantels. Wenn viel Chalk verwendet wird und dieses beim Auschecken ans Seil gelangt – gleiches Problem, gleicher Effekt. Der Mantel wird durch die Reibung an den Karabinern immer dünner und verschwindet schließlich ganz, sodass der Kern zum Vorschein kommt und das Seilende abgeschnitten werden muss – oder im Extremfall das ganze Seil seine Tauglichkeit verliert.

Dieses Phänomen tritt je nach Seil mehr oder weniger schnell auf. Bei mir ist oftmals schon nach zehn intensiven Klettertagen mit viel Chalk und viel Auf und Ab beim Ausbouldern das Seilende durch und muss gekappt werden.

Das Beal Joker Unicore Golden Dry besticht durch seine extreme Abriebfestigkeit, die von unterschiedlichen Faktoren her rührt. Zum einen beträgt der Mantelanteil 35 Prozent, d.h. über ein Drittel besteht aus festem Mantelgewebe. Zum anderen ist das Joker sehr kompakt und fest, aber dennoch extrem geschmeidig in der Handhabung. Genau das Gegenteil von einem starren Strick! Es hält beim Ausbouldern wesentlich länger durch als seine Verwandten mit gleichem oder ähnlichem Durchmesser. Nach zehn intensiven Tagen Projektieren und Auschecken (plus Einfluss von Chalk und Staub) zeigt es am Mantel nur geringe Abnutzungserscheinungen und ist noch weit davon entfernt, als „fertig“ durchzugehen.

Die Golden Dry-Imprägnierung tut ihr übriges. Dabei werden alle Bestandteile des Kerns und des Mantels bei hoher Temperatur polymerisiert. So können sie kaum Feuchtigkeit aufnehmen und sind unempfindlicher gegen Abrieb und Schmutz. Darin liegt auch der Unterschied zur klassischen Dry Cover-Imprägnierung: bei der wird der Kern eben nicht imprägniert.

Durchmesser und Gewicht

Beim Klettern selbst entfaltet das Seil dann seine volle Bandbreite an Vorteilen. Mit einem Durchmesser von 9,1 Millimetern ist es nicht zu dick und nicht zu dünn und lässt sich entspannt und komfortabel clippen, auch in schwierigen Einhänge-Positionen. Außerdem machen sich gerade bei langen Sportkletterrouten die 52 Gramm pro Meter positiv bemerkbar! Das Joker ist angenehm leicht und zieht einen nicht sofort gen Erde, wenn man ein paar Ecken eingehängt hat oder bereits 30 Meter hinter sich hat und die Schlüsselstelle noch auf einen wartet.

Mit seinen 9,1 Millimetern Durchmesser zählt das Joker definitiv zu den dünneren Seilen auf dem Markt. Es lässt sich auch bei sperrigen Sicherungsgeräten (enge Tubes, Smart, Mega Jul etc.) sehr gut ausgeben und krangelt so gut wie gar nicht, wenn man es beim Auspacken richtig abwickelt. Doch kein Vorteil ohne Nachteil: Beim Sichern mit dem Joker sollte man besonders am Anfang erhöhte Vorsicht walten lassen. Die glatte Oberfläche (nicht zuletzt die Imprägnierung trägt dazu bei) und der geringe Durchmesser müssen beim Sichern einkalkuliert werden.

Sichern mit dem Beal Joker

Das bedeutet, dass man mit dem Joker generell besser mit Halbautomaten (vorzugsweise GriGri) sichern sollte, da gerade zu Beginn des Lebens eines Joker-Seils das Bremshandprinzip extrem wichtig ist. Bei einem Tuber muss das Bremsseil ordentlich festgehalten werden und längere Ausboulder-Sessions können bei Tuber-Sicherung mit einem Joker sehr anstrengend für den Sicherer sein. Die klassische HMS-Sicherung tut dem Seil alles andere als gut, da einfach zu viele Krangel erzeugt werden. Beim Abseilen mit HMS ist das Ganze noch schlimmer!

Deshalb lautet meine Empfehlung: In Kombination mit dem Petzl GriGri 2 ist dieses Seil eines der komfortabelsten beim Sichern. Der Daumen auf dem Blockierhebel des Geräts muss dabei oft gar nicht zwingend verwendet werden, da das Seil aufgrund des Durchmessers und der glatten Oberfläche praktisch wie beim Tube durch das GriGri ausgegeben werden kann, ohne dass der Blockiermechanismus beim Seilausgeben ausgelöst wird. Diese „Tuber“-Variante des Seil-Ausgebens mit dem GriGri ist von allen Halbautomaten die wohl sicherste Art überhaupt.

Abseilen, Ablassen, Normstürze und Knoten

Für das Ablassen und Abseilen gilt das Gleiche wie für das Sichern: Vorsicht zu Beginn, wenn das Seil noch besonders glatt ist. Ansonsten kann mit dem Joker sowohl mit Tubes, Autotubes und Halbautomaten kontrolliert ablassen, wenn man mit Gerät und Seil vertraut ist.

Im Falle eines Sturzes darf das Bremshandprinzip auch bei Halbautomaten niemals außer Acht gelassen werden – eigentlich eine absolute Grundlage, die jedoch leider bei vielen Kletterern – auch im Spitzenbereich – noch immer missachtet wird.

Das Joker hält nach Herstellerangaben 5-6 Normstürze und bewegt sich somit nur knapp an der Grenze der zulässigen Sturzzahl. Alle hergestellten Seile müssen nach EU-Norm mindestens 5 Normstürze halten (mehr dazu in der Kletterseile: FAQs). Da ein solcher Normsturz im Labor getestet wird und theoretisch ein riesiger statischer Sturz ist, der in der Kletter-Realität so gut wie nie auftritt.

Auch Knoten sollten am Anfang (bzw. optimaler Weise immer) mit einem Sicherungsschlag versehen werden, da das glatte Seil bei schlampig oder locker geknüpften Knoten leicht verrutscht. Die Gefahr, dass sich die erste Knotenschlaufe durch die glatte Oberfläche lockert oder gar löst, kann somit umgangen werden. Das gleiche gilt bei Klemmknoten wie dem Mastwurf oder dem Ankerstich: Diese können bei dünnen und glatten Seilen leicht durchrutschen, wenn ein größerer Zug auf den Knoten kommt! Generell zieht sich das dünne und geschmeidige Joker-Seil bei sämtlichen Arten von Knoten recht fest, lässt sich aber aufgrund der glatten Oberfläche immer leicht wieder lockern.

Alpinklettern mit dem Beal Joker

Treuer Begleiter beim Alpinklettern - das Joker ermöglicht einen unkomplizierten Standplatzbau und lässt sich gut über die Beine legen. | Foto: Bene Hirschmann
Treuer Begleiter beim Alpinklettern – das Joker ermöglicht einen unkomplizierten Standplatzbau und lässt sich gut über die Beine legen. | Foto: Bene Hirschmann

Bei einem so leichten, dünnen und gleichzeitig robustem Seil wie dem Beal Joker ist es verständlicherweise verlockend, es auch beim alpinen Einsatz auf die Probe zu stellen. Generell sollten beim Alpinklettern bevorzugt Doppelseile verwendet werden. Dennoch bietet sich ein Einfachseil oft an, wenn es sich um schwerere alpine Routen handelt, in denen das Clippen eines Doppelseils zu aufwändig ist und zu lang dauert. Dann tritt das Joker auf den Plan! Während man extrem dünne Einfachseile mit Durchmessern unter 9 Millimeter mit extremer Vorsicht im Alpinen verwenden sollte, ist unser Beal-Seil hier im wahrsten Sinne des Wortes der absolute „Joker“.

Klettert man alpine Routen, in denen wenig oder keine scharfen Kanten und Zacken vorkommen, über welche das Seil bei einem längeren Sturz laufen könnte, kann man das Joker-Seil gut benutzen – vor allem in Mehrseillängenrouten mit relativ ebener Felskontur, also bei Platten und Wandkletterei. Ist klassische alpine Kletterei angesagt, wo Verschneidungen, kleine Dächer und Grate mehr oder weniger scharfe Kanten im Seilverlauf erzeugen, sollte man lieber zu Doppelseilen greifen, auch um Seilreibung durch wechselseitiges Einhängen der Seile taktisch zu verringern. (Wichtig: auch die Rückzugsoption entfällt mit einem Einfachseil).

Viele Bergführer und klassisch versierte Alpinisten verwenden das Joker für leichtere Gratklettereien und Hochtouren, bei denen hin und wieder Seilsicherung nötig ist. Eiskletterer schwören auf das Joker aufgrund seiner Robustheit. Die Komplett-Imprägnierung macht das Joker auch in Schnee und Eis zum zuverlässigen Begleiter.

Vielseitiges Kletterseil

Dünn und geschmeidig - das Joker ist perfekt für alpines Sportklettern geeignet. | Foto: Bene Hirschmann
Dünn und geschmeidig – das Joker ist perfekt für alpines Sportklettern geeignet. | Foto: Bene Hirschmann

Wer in Arco an den Sonnenplatten, in den alpinen Sportkletterrouten im Zillertal oder in schweren, steileren Alpinrouten unterwegs ist, findet mit diesem Seil den optimalen Begleiter. Kurzum: Das Beal Joker ist ein traumhaftes Einfachseil für die geeigneten alpinen Spielformen, sollte aber ab einem gewissen Grad an objektiven Gefahren (scharfe Kanten, Steinschlag usw.) nicht mehr benutzt werden, wenn ein höheres Sturzrisiko besteht.

Die bereits im vorherigen Kapitel angesprochenen 5-6 Normstürze des Joker sollte man beim Alpinklettern im Kopf haben. Wer also in einer Alpintour zwei, dreimal so richtig „reingerasselt“ ist (ich spreche hier von hart gesicherten 20-Meter-Stürzen mit Oberflächenverschleiß des Seils), sollte das Seil austauschen. Diese Info wird jedoch wohl nur die wenigsten betreffen, die sich das Seil zulegen wollen …

Auf die Verwendung des Joker als Doppelseil möchte ich an dieser Stelle nicht näher eingehen, da es meiner Meinung nach einfach das perfekte Einfachseil ist und für die doppelte Verwendung einfach zu viel Gewicht hat. Bei langen alpinen Routen würde ich definitiv zu Standard-Halbseilen oder Zwillingsseilen greifen.

Fazit: Potenzielles Lieblingsseil für alle Kletterdisziplinen

Im Bericht wurde auf zahlreiche Risiken bei der Verwendung von Seilen hingewiesen. Diese gelten jedoch für alle Seile und nicht ausschließlich für das Beal Joker. Dieses ist lediglich aufgrund seines geringen Durchmessers und der anfangs glatten Oberfläche mit mehr Vorsicht zu genießen als andere Seile. Dieser Schwachpunkt wird jedoch durch die überragenden Vorteile dieses Top-Seils komplett aufgewogen! Man sollte diese Risikofaktoren einfach im Kopf haben, wenn man sich ein dünnes, glatteres Seil anschafft.

Ich verwende das Beal Joker nun seit über zehn Jahren, habe es in allen erdenklichen Routen getestet und bin sowohl im alpinen Bereich als auch beim Sportklettern sehr zufrieden. Die größten Vorteile sind für mich die hohe Abriebfestigkeit beim Ausbouldern und das geringe Gewicht. Wer also ein dünnes Seil sucht, das trotz Scheuern an den Exen beim Projektieren lange hält, dem kann ich das Joker an allererster Stelle empfehlen. Beim alpinen Sportklettern bin ich jedes Mal aufs Neue von diesem Seil begeistert, weil es den optimalen geringen Durchmesser hat und man sich dennoch stets sicher fühlt.

Anfänger mit dem Joker zu betrauen halte ich hingegen für sehr gewagt. Es ist zu glatt und zu dünn, um damit die ersten Versuche beim Sichern oder beim Sturztraining zu machen. Wer hingegen Erfahrung mit dünnen Seilen hat und damit Stürze routiniert halten kann, wird sicher nicht enttäuscht werden!

Die wichtigsten Daten zum Beal Joker Unicore Golden Dry Kletterseil im Überblick:

  • Imprägnierung: Golden Dry-Imprägnierung (Mantel und Kern)
  • Zertifizierung als Einfachseil, Halbseil und Zwillingsseil
  • Länge: 50-80 Meter
  • Durchmesser: 9,1 mm
  • Gewicht: 52 g/m (50 m = 2,60 kg/80 m = 4,16 kg)
  • Sturzzahl: (Normsturz): 5 – 6 (als Einfachseil); ca. 25 (als Doppelseil)
  • Mantelanteil: 35 %
  • Mantelverschiebung: 0 mm
  • Einsatzbereiche: schweres Sportklettern, alpines Sportklettern, klassische Besteigungen, objektiv sichere Alpinrouten ohne scharfen Fels, Eisklettern, Gletscher- und Firntouren

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