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Solo-Tour in luftiger Höhe

Lafatscher Riesenverschneidung – Alpinklettern im Alleingang

15 Minuten Lesezeit
Prinzipiell klettert Bergzeit Autor Julius Kerscher lieber in Seilschaft. Man könne schwere Fahrten unternehmen und man teile Erlebnisse natürlich anders, findet der Alpinist. Doch manchmal sucht er beim Alpinklettern auch bewusst den Alleingang - wie im Falle der Lafatscher Riesenverschneidung.

Alpinklettern… Wie ein aufgeschlagenes Buch, übergroß, in Stein gemeißelt. Glätte links – Steinwelle rechts, Kalk, gewachsen, gestockt, gebogen, verworfen, erodiert! So liegt die Lafatscher Riesenverschneidung zwischen der Nordwand und der Ostwand des Kleinen Lafatschers dem Hallerangerhaus vis-á-vis. Senkrecht bricht die Glätte der Nordwand hinab, von wenigen Rissen durchzogen, sonst waschbetonartig blank. Geneigt, nach oben hin steiler und steiler, augenscheinlich exponentiell ansteigend dagegen wölbt sich im rechten Winkel die Ostwand hinauf. Sie ist umso strukturierter, je weiter man sich vom direkten Verschneidungsverlauf entfernt.

Die Lafatscher Riesenverschneidung selbst durchzieht ein Riss, je höher, desto ausgeprägter. Der Riss variiert in der Breite zwischen Fingerriss und Körperriss. An einigen Stellen kann man mit dem Brustkorb und einem Bein in der abdrängenden Wand klemmen. Ein Exponentialriss… Eine wahre Riesenverschneidung, 360 Meter vertikale Verlockung. Eine wohlbekannte Verlockung. Die Lafatscher NO-Verschneidung ist, am Rande, aber nicht unwichtig, auch eine der Touren in Walter Pauses berühmter Auswahl klassischer Kletterführen Im extremen Fels.

Mission Lafatscher Riesenverschneidung beginnt

Was für den kurz zuvor besuchten Piz Badile gilt, und in seinem Fall zum Bonmot geworden ist, mag man auch für dieses klassische Ziel im Alpinklettern reklamieren: Der wichtigste Grund, die Lafatscher Riesenverschneidung zu durchsteigen ist, die Lafatscher Riesenverschneidung zu durchsteigen. Ein Erlebnis für sich.

Die Linie Auckenthaler/Pirker schreit den Kletterer an – so logisch. Erst im oberen Wandteil verlässt der Weg von Großmeister Auckenthaler und Pirker (1930) die direkte Verschneidung, folgt dem Weg der Erstbegeher Weber/Fick wenige Jahre zuvor, welchen er im unteren Teil begradigt, statt zweimal im Bogen in etwas leichteres Gelände auszuweichen. Direkte! Nach dem steilsten Rissaufschwung geht es dann, gelöst vom Ideal, leichter, durch typischen Karwendelbruch aus der Gefahr heraus. (Zumindest auf dem Weg der Erstbegeher – am Rande sei erwähnt, dass in manchen Kletterführern etwas unklar bleibt, ob Auckenthaler noch weiter in der Linie der Verschneidung hochzuziehen versuchte. Der Autor freut sich über Hinweise.)

Hauptgefahr objektiver Art: Steinschlag. Karwendelfels ist bekanntlich nicht immer bombenfest, sondern bombt auch mal feste. Am Kleinen Lafatscher donnert es häufig, bzw. surrt und zischt es erst. Steinsalven schießen herab, nicht wenige Aspiranten bekommen etwas ab. So auch in meiner Familie. Da gab es auch schon mal einen Stein aufs Haupt samt weitem, hartem Flug. Ein böses Omen schwebt somit subjektiv über dem Lafatscher. Noch ein Grund – ein Grund zur Auseinandersetzung. Der Lafatscher ist nicht irgendein Berg, die Riesenverschneidung nicht irgendeine Tour für mich. Für Grenzgänge wie einen solchen Alleingang muss es mehr Motivation geben als sportliche Interessen.

Beim Alpinklettern allein am Seil?

Prinzipiell und meistens klettere ich lieber in Seilschaft – da geht’s schneller, man kann schwere Fahrten unternehmen und man teilt, verarbeitet Erlebnisse natürlich anders. Doch manchmal suche ich beim Alpinklettern auch bewusst den Alleingang. Das geht heikler, viel langsamer, deutlich defensiver von Statten, doch die Erlebnistiefe und Art ist eine andere.

Beim Alleingang im Alpinklettern, wage ich zu behaupten, fühle ich mich seilfrei bis in den unteren vierten Grad wohl und auch in exponierten, längeren Klassikern wie der Leuchs-Führe durch die Totenkirchl Ostwand oder der wild alpinen Enzensperger, Kleine Halt Westwand. In klettertechnisch schweren oder zu heikel brüchigen Passagen gehe ich beim Solo-Alpinklettern selbstgesichert im Vorstieg am Kletterseil nach der (modifizierten) Zak-Methode. Das Vorgehen dabei ist hinreichend komplex, somit fehleranfällig, also gefährlich, daher sollte man als einfache Privatperson nicht in solchem Forum in Details darauf eingehen. Der Interessierte sei auf professionelle alpine Ausbilder und den Artikel von Heinz Zak in der Bergführerzeitschrift bergundsteigen verwiesen. Dort steht auch ganz deutlich, wie sehr man sich hier beim Alpinklettern in einer Grauzone bewegt. Zudem, wie stets: Die Technik in der Theorie ist eines, das rasche, verhaufreie Handling in der Praxis nochmal etwas anderes. Die ersten, Teststürze in sein Setup macht man am besten mal mit guten Freunden, von oben redundant gesichert im Klettergarten. Holla.

Der Kletterer hat beim Alleingang am Seil parallel mehrere Aufgaben: Klettern, Sichern und also Seil ausgeben, Sicherungen legen und dabei wohlbedacht die diversen Seilstränge nicht kreuz und quer klippen. Zudem macht man auch zwei Aufstiegs- plus eine Abseillänge aus jeder nicht völlig frei gekletterten Seillänge beim Alpinklettern im Alleingang: Einmal im Vorstieg bis zur Fixierung am nächsten (hundertprozentigen!) Stand, einmal retour nach unten, zuletzt wieder mit dem Material hinauf. 360 Meter Lafatscher Riesenverschneidung werden so zur potentiellen 720 Meter Monsterverschneidung.

Alpinklettern bekommt so eine neue Dimension, eine zutiefst psychologische. Man ist allein, für alles selbst verantwortlich. Man lernt stärker als je, Entscheidungen zu treffen – weil man muss. Weil man alle Konsequenzen unmittelbar mit eigenem Leib zu tragen hat. Je weniger Infrastruktur in einer Route, desto stärker sind beim Alpinklettern im Alleingang diese Konsequenzen.

Die Stände in der Lafatscher Riesenverschneidung sind, modernem Sanierungsverständnis für Klassiker entsprechend, Dank Sanierung jüngeren Datums zuverlässig. Je ein Bohrhaken und ein Klebehaken sorgen dafür, dass die Fehler des mobil absichernd Vorsteigenden der Sichernde nicht bis zum Standausbruch und Seilschaftsabsturz mit ausbaden muss.

Von Stand zu Stand heißt es also, sauber mit Klemmgeräten, mit Friends und Keilen, sowie Schlingen zu arbeiten. Es ist günstig, vorab schon zu wissen, dass Keile aufgrund der Felsbeschaffenheit passagenweise kaum günstig zu legen sind. Köpfl sind in Verschneidungen eben auch selten, ab und zu findet immerhin eine lange Schlinge an dem einen oder anderen kleinen Klemmblock Verwendung. Friends, Friends, Friends lautet die Devise. Breite Friends, insbesondere – mit dem „Normalsortiment” für’s Alpinklettern kann man gleich am Einstieg kehrt machen. Sieben Friends führe ich nach Lektüre einiger Begehungsberichte mit, vom kleinen 0.5 Camalot von Black Diamond bis zum großen 6er Dragon von DMM, insbesondere vier für Nordalpenverhältnisse große Friends über zehn Zentimeter Klemmweite.

Im dritten Anlauf…

ein wenig Material darf es schon sein … | Foto: Julius Kerscher
ein wenig Material darf es schon sein … | Foto: Julius Kerscher

26. September 2012. Gut mit allerlei buntem Metall gerüstet, stehe ich einmal mehr vor der Lafatscher Riesenverschneidung. Zweimal schon habe ich Kehrt gemacht, der Wandflucht gegenüber stehend.

Beim ersten Mal schlicht wegen Schiss, allein da einzusteigen, obwohl das Wetter gut gewesen wäre. Beim zweiten Mal war die Witterung aktuell gut, doch wegen Schnee oben und ergo fraglicher Nässe in den Rissen: Downhill. Nun stehe ich ein drittes Mal da – und denke, vom Wind zersaust, ich kehre wohl oder übel wieder um… Denn ich komme bereits etwas erschöpft an, und dazu ist das Wetter ein wenig einschüchternd: laut rauschende Sturmböen – nicht perfekt zum Alpinklettern.

Nicht von Hall in Tirol aus über die Herrenhäuser und Lafatscher Joch, wie zuletzt, sondern von Scharnitz aus, bin ich gekommen. Als Mountainbike-Tour allein hin und retour 52 Kilometer bei etwas über 1.000 Höhenmetern. Wobei… Erst geht es wunderschön zu den Isarquellen durch phantastisches Karwendelwunderland, an surreal anmutend türkisem Quellstrom. Bis zur Kastenalm sind es unmerklich ansteigende, sanfte 20 Kilometer, dann aber folgt mit einem Aufbäumen elend steil und schottrig der Aufschwung zum Halleranger. Der am Rücken ziehende, riesige Rucksack voller Metall und Seile zwingt mich vom bockenden, steigenden Rad. Ich schiebe einige Passagen, die Beine erscheinen so schwer.

Das Wetter war bis zum Abend gut prognostiziert. Doch der Sturm… Kommt die nahende Front nun früher? Solcherlei Sorgen machen die Beine noch mürber. Im Anger oben deponiere ich das Rad. Sturmböen wehen mir den Rucksackinhalt aus der Hand. Für einen Moment kapituliere ich ein drittes Mal, versuche mich zu überzeugen, dass es immerhin eine schöne Mountainbike-Tour war, wenngleich mit viel, viel Trainingsballast.

Karwendel - unterwegs zu den Isarquellen, weiter zum Lafatscher von Scharnitz aus. | Foto: Julius Kerscher
Karwendel – unterwegs zu den Isarquellen, weiter zum Lafatscher von Scharnitz aus. | Foto: Julius Kerscher

Ich prüfe den Wetterbericht erneut – heutige Technik macht es möglich. Formal kein Grund zur Sorge. Eine Böe schreit mich an. Ich setze mich flach in die Wiese, staune die Wand entlang, esse ein Käsbrot. Der Blick fährt der Linie nach, rauf, runter, rauf,… rauf! Wenn man schon mal hier ist… Mein Seilmaterial reicht aus, um notfalls über die sanierten Stände den Rückzug anzutreten. Welch eine gedankliche Erleichterung gegenüber früheren Zeiten! In der Theorie. In der Praxis beim Alpinklettern weiß man natürlich erst, was Sache ist (ob z.B. die Stände noch intakt sind, ob die Distanzen aus dem Topo stimmen), wenn man drin steckt. Aber wenn man schon mal hier ist… zum dritten Mal…

Zudem ist ein Kriterium leicht erfüllt, bei solchem Wetter – niemand anders ist in der Wand. Der Alpinkletterer, so er sich solo sichert und jede Länge also dreimal hinter sich lässt, behindert leicht andere Seilschaften und erhöht die Steinschlaggefahr während seines Materialnachholens. Man macht sich halt leicht unbeliebt und sucht für solche Touren gerne die etwas einsameren Tage, folglich die etwas weniger gefragten Bedingungen oder Uhrzeiten.

Ich beschließe, jedenfalls einmal Richtung Einstieg zu wandern. Schon allein um den Fels näher zu besehen. Nur schauen? Nein, vielmehr auf das mich noch nie getrogenhabende Gespür, ein der Intuition artverwandtes, tiefes, basales Etwas zu achten. Bei leisen Zweifeln rings um die Hirn-Magen-Achse drehe ich stets um. Selbst wenn der Wille ja sagt – das hat sich bisher scharf bewährt.

Unterwegs zum Einstieg höre ich schon den Steinschlag poltern, für den die Tour berüchtigt ist. Ich nehme ihn zur Kenntnis, doch der Instinkt spricht nicht mit Angst darauf an. Vor der Lafatscher Riesenverschneidung stehe ich nun. Die unheimlich glatte Nordwand vor Augen. Die optisch so saugende Linie, der Aufschwung der Verschneidung… Die Hände schwitzen leicht, die Füße kribbeln. Ich gurte mich an, sortiere das Material und ohne weitere Überlegung, mit dem urinneren Gefühl völliger Natürlichkeit steige ich mit Rucksack und Seil am Rücken die ersten Seillängen hinauf. Fester, gewaschener Fels, schön, hell, strukturiert. Ich gerate in Fahrt.

Helikoptergeräusche, ich drücke mich sofort in eine Ecke unter einen Bauch – ein Riesenbrocken fliegt knapp zehn Meter neben mir bis runter auf die Platten rechts des Einstiegs, zerschellt. Kleinere Beiboote tauchen durch die Rinne zu mir ab, eine Kopfnuss für den Helm. Es riecht nach Schwefel.

… mitten drin

In der zweiten IV-er Länge bin ich nun, ja, fallen kann man inzwischen schon weit und mit Stein auf der Rübe täte ich es wohl. Zwar fliegen die riesen Brocken etwas abseits, zwar steht man in der direkten Lafatscher Riesenverschneidung meist fast überdacht, doch die mittelgroßen Brocken machen es gefährlich, die aufspringen und auch in die Verschneidung flippern können. Zunächst kommt knapp jede Viertelstunde etwas mit Verletzungspotential geflogen. Erst bei den schweren Längen weiter oben hört es auf oder die Konzentration dort filtert die Angst aus.

Die weiteren beiden IV-er Seillängen laufen glatt, ich kann mich im gutmütig gestuften Fels voll auf die Technik konzentrieren, die Routine prüfen im komplizierten Handling aller Utensilien. Seltsam stets das Gefühl beim lebensrettenden Partnercheck, wenn man sich selbst checkt. In manchen Seilschaften heißt, einen Fehler beim anderen zu finden, dass man eine Flasche Wein gut hat, der andere sie schuldet. Wie geht dann die Rechnung beim Alpinklettern im Alleingang …?

Friend um Friend findet Platz in den Rissen. Der wohlsortierte Gurt macht sich bezahlt. Nur einmal vermisse ich ein Fabeltier vom Format DMM Dragon 8, da sogar mein 6er zu schmal für eine vier Meter lange Passage an glattem Riss ist. Ich hänge ein wenig mau in der Luft. Jetzt habe ich einige Meter freien Fall als Scheck in der Tasche.

Herausforderung: Ruhe bewahren in der Lafatscher Riesenverschneidung

Der Riss ist lang, die Platte glatt - doch paar mal lohnt es sich, die Rissklemmerei zu verlassen, sich abdrängend aus dem Riss zu kippen - links wenige, dann aber rettende Antritte zum Ausspreizen. | Foto: Julius Kerscher
Der Riss ist lang, die Platte glatt – doch paar mal lohnt es sich, die Rissklemmerei zu verlassen, sich abdrängend aus dem Riss zu kippen – links wenige, dann aber rettende Antritte zum Ausspreizen. | Foto: Julius Kerscher

Es kostet Konzentration, nicht panisch am Riss zu krallen und die Kraft zu vergeuden. Zum Ruhe bewahren rede ich mir laut zu. Seltsamer Moment. Doch es wirkt, ich finde wieder klaren Blick, einen guten Tritt und ich erreiche einen alten Haken, in den ich dankbar einen Schnapper klippe. Doch der Schnapper ist noch etwas hoch. Sich einfach mal vom Seilpartner genug und rasch Seil geben lassen – schön wärs. Das Sich-selbst-Seilausgeben zum Clippen wird nochmal ein Kampf mit den Nerven – jede Bewegung muss ruhig erfolgen, sonst wird aus dem nahen Clip ein umso weiterer Sturz.

Ein Hochgefühl kommt auf, als ich die in Berichten erwähnten Holzkeile erreiche… altes, ehrwürdiges Material aus vergangenen Zeiten … aber auch morsch? Besser frischen Friend daneben setzen. Leuchtendes Orange neben irdisch mürbem Braungrau – zwei Generationen Klettermaterial. Der organische Block ruft auch in Erinnerung, welche Hände hier schon gegriffen haben. Klettergeschichte. Alpinklettern pur.

Ein Tief ereilt mich dann aber umgehend wieder, in der besonders steilen VI Seillänge nach Ablassen mit Material und Rucksack wiederum hochkletternd – die Kraft… anders als in Seilschaft ist man beim solo klettern ständig in Bewegung, die Nerven gespannt, die Kletterlänge beinahe verdoppelt. Es geht schon etwas an die Substanz, zumal die 1.000 Höhenmeter per Mountainbike auch nicht umsonst waren. Jammere ich? Nein. Alles selbst gesucht. Alles so gewollt. Grenze kostet, Grenze spendet! Doch ich sehne mich nach dem Ort des Wandbuches, nach dem Wissen, dort die Hauptschwierigkeiten gemeistert zu haben.

Freud und Leid liegen oft eng beieinander

Dabei macht die Kletterei Spaß. Es sind tolle Bewegungen, man kann so viele schwere Stellen allzu schön auflösen – wenn das Nervenkostüm mitmacht. Da ich jede schwere Seillänge doppelt absolviere, kann ich die nun bekannt schweren Stellen im zweiten Aufstieg besser avisieren, elegantere Lösungen finden. Zudem – im Nachstieg, nur mit neuralgischen Zwischensicherungen noch im Verlauf, kann ich etwas freier den schönen Stellen mit mehr Verschneidungskletterei folgen, muss nicht wie im Vorstieg peinlichst darauf achten, nie zu weit vom Riss als bestem Kandidat für Friends und Co abzuschweifen. Eine ganz eigenartige Erfahrung.

Die Seillänge zum Ende der Schwierigkeiten wird die nervlich härteste. Zwar nur V+ bewertet, lässt sie sich etwas schlechter absichern, als VI- und VI bewerteten Seillängen zuvor. Tief stecke ich im Riss, muss abdrängend aus der Wand kippen, viele Meter über der letzten Verengung, welche noch Friends schlucken wollte. Heikel lasse ich mich am langen Arm nach rechts kippen, drehe nach links ein, finde wieder guten Antritt in der glatten Platte der Nordwand auf fußbreiter Leiste. Ein Meter über mir ein Klemmblock, um den ich eine lange Schlinge legen könnte. Doch wie dorthin? Mein momentaner Stand ist gut, ich kann mich aktiv beruhigen. Erst dann sehe ich wieder klar, rechts schattig verdeckten Tritt, rechts auch zwei in Sequenz vielversprechende Kanten. Kurzes Prüfen des Blockes, jawohl. Erleichterung.

Endlich. Lange Rast am Wandbuchpunkt, an der charakteristisch gelben, einige zig Meter hohen Platte. Ohne Wandbuch. Nur ein paar lose Zettel listen jüngere Begehungen. Ein edler Spender möge sich bei nächstem Gang erbarmen und ein neues Büchlein stiften… Ich binde mich aus, sortiere das Material, nehme das Seil auf. Sehr deutlich geht es durch schrofen Schotter nach rechts von der Wand weg, frei machbar, solange man bloß nicht rutscht. In der Scharte nach knapp 50 Metern ist wiederum ein sanierter Stand.

Wer die Rinne entlang suchet, der findet

am markanten, gelben Wandl findet sich die Wandbuchschatulle. Danach geht es schottrig (I-II) auf Band zum Punkt der Aufnahme. Dort auch Stand an zwei Bohrhaken. | Foto: Julius Kerscher
Am markanten, gelben Wandl findet sich die Wandbuchschatulle. Danach geht es schottrig (I-II) auf Band zum Punkt der Aufnahme. Dort auch Stand an zwei Bohrhaken. | Foto: Julius Kerscher

Besser der linken oder der rechten Rinne hinauf folgen? Die immer gleichen Fragen. Jede daheim noch so klare Topo-Skizze kann sich im weitläufigen Gelände und dort im Detail als… nun ja … zumindest interpretationswürdig erweisen. Alpinklettern ist Suchen. Kein Material weist den Weg, nur minimale Begehungspuren versprechen mehr Aussicht rechts. Brüchig aber sieht es in beiden Fällen aus.

Jedenfalls vertraue ich auf meine Übung im freien Gang durch auch mal herzhaft brüchiges III-er Gelände und spare mir die Zeit durch Sicherung und Vervielfachung der Länge. Die rechte Rinne geht gut, danach in leichtem Bogen nach rechts durch flacheres Gelände. Eine orangene Schlinge beglückt als Indiz für den sanierten Stand vor der letzten Seillänge: IV+, brüchig, heißt es in Berichten. Stimmt. Ich lege, auch des schrägen Verlaufes wegen, der im Gegensatz zu den schönen Geraden zuvor schnell nervig werden kann, nochmal einiges an mobilen Sicherungen, vor allem dürfen nochmal alle Farben Friends Kontrast zum Kalk bilden.

Erst geht es auf einer steilen Rampe vom Stand weg leicht rechts, zu einer Schlingenkrake an drei Althaken, unter einem splittrig-gelbem Felsbauch, über den es direkt hinweg geht – die Stelle IV+. Danach tendenziell rechts hinauf, zu einer senkrechten Rinne (III), diese eher leicht links hinauf zu einem Podest, von dort gerade hoch, oben links hinaus: Stand. Ich sage es zu mir selbst. Noch einmal hinunter, abbauen, einpacken, hoch. Oben angekommen ist klar: Es ist geschafft.

Mission Lafatscher Riesenverschneidung erfüllt!

Gipfelmoment nach der Lafatscher Riesenverschneidung - bei eher stürmischer Wetterlage. | Foto: Julius Kerscher
Gipfelmoment nach Bezwingen der Lafatscher Riesenverschneidung – bei eher stürmischer Wetterlage. | Foto: Julius Kerscher

Nach Überwindung der Lafatscher Riesenverschneidung verspüre ich einen Moment großer Ruhe, der Kontemplation. Ich raste, still, höre den Wind nur als Abstraktum, fühle die Schwere in meinen Gliedern sich zu einem festen, gutartigen Kern ballen, zu schwerer, seelischer Erde. Irgendwann verräume ich das bunte Material, gehe langsam die knapp 20min Gratkletterei durch Schrofen und Fels bis II zum nahen Gipfel (Lafatscher Rosskopf) samt Kreuz und Buch an. Die Beine brennen, die Wolken werden immer dunkler, einzelne Böen mit großer Wucht zwingen mich in die Knie.

Vom Gipfel noch horizontal 100 Meter gen Westen, leicht bergan, zu einer steilen Schuttreise mit erdig-rötlichem, lehmig durchsetztem Fels, der unten auf seltsam weißlich-rosa Platten trifft. Danach Karwendelpowdern durch die weiche Schuttreisen vom Feinsten, rasches Traben sodann zum Genuss von Kehlenspülung und Blick zurück auf die Wand von der Terrasse des Hallerangerhauses.

Wie sehr man aber dem Berg noch gehört, bevor man wieder im Tal ist, zeigt sich einmal mehr – unerwartet und hinterrücks. Da bricht mir doch, da ich ganz in Vorfreude auf einen 26 Kilometer Downhill zurück nach Scharnitz über den blockigen Pfad losrolle, knapp vor Ende des Hallerangers die Alu-Befestigung meines Sattels. Lauter Knall, ich verliere fast die Kontrolle über meinen Drahtesel und spüre „absteigend” etwas Spitzes am Rücken. Knapp entgehe ich dabei schlimmeren Weichteilbeschädigungen durch die barhäutige Sattelstange. Doch als Kletterer hat man genug Reepschnur und Knoten parat, um mit dem rasch wieder gefundenen Sattel improvisieren zu können.

Der Vorfall zeigt, am Rande, auch: Risiko und Risikowahrnehmung sind zweierlei. Wir laufen manchmal gerade dort Gefahr, wo wir die Schwachstellen nicht erwarten. Wir können augenscheinlich mehr wagen, wo wir hellwach und vorbereitet sind. Bewußtsein entscheidet.

Alles zum Alpinklettern gibt es natürlich auch bei Bergzeit:

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