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Der ambitionierte Bergsportler

Scarpa F1 Evo: Der Skitourenstiefel im Test

8 Minuten Lesezeit
Der Skitourenstiefel Scarpa F1 Evo unterscheidet automatisch zwischen Aufstiegs- und Abfahrtsmodus - ein Novum, das ab kommendem Herbst vor allem ambitionierte Skitourengeher anspricht. Franz Mösbauer hat den F1 Evo schon jetzt zum Praxistest ausgeführt.

Rennsemmeln gibt es nicht nur im Lenggrieser Hirschbachstüberl, sondern auch auf Ski. Für dieses alpine Skivolk hat Scarpa bereits 1999 den F1 entwickelt, der im Ballenbereich, von Telemarkschuhen übernommen, eine Flexzone besaß. Scarpa ging damit einen neuen Weg im Skitourenbereich und startet mit dem F1 Evo ab kommender Wintersaison in die nächste Evolutionsstufe. Ich durfte den Schuh bereits im Winter 2013/2014 ein paar Tage zum Test ausführen.

Erster Eindruck und Theorie zum Scarpa F1 Evo: Leicht und stabil

Schon beim Auspacken fiel das Gesamtgewicht des Stiefels positiv auf. Scarpa will mit dem F1 Evo die Lücke zwischen dem Rennschuh Scarpa Alien und dem abfahrtsorientierten Scarpa Maestrale / Thrill schließen. Leicht genug für lange Aufstiege und trotzdem ausreichend Stabilität für die schnelle Abfahrt, so soll sich der Neue in die Reihe der Skitourensteifel einfügen. Diesen Spagat will Scarpa mit dem F1 Evo stemmen. Spannend ist, dass der F1 Evo nur mit einer Pin-Bindung, wie die Bindungen von Dynafit (TLT), verwendet werden kann.

Scarpa F1 Evo Test | Foto: Franz Mösbauer
Der erste positive Eindruck bleibt hoffentlich bis zum Schluss. Leicht und stabil kommt der neue Scarpa F1 Evo daher.

Bevor aber der erste Praxistest erfolgt, ein paar theoretische Betrachtungen auf der Werkbank: Bei Größe 27 bringt der Schuh 1.130 Gramm auf die Waage. Für einen Schuh mit diesem Einsatzzweck ist er sozusagen „State of the Art“. Die Schale und der Schaft bestehen aus einem Grilamid-ähnlichem Kunststoff, der im im Vergleich zum Pebax-Material beim Scarpa Maestrale genauso steif und formstabil ist, jedoch weniger ins Gewicht fällt. Für eine bessere Kraftübertragung wurde der Fersen- und Knöchelbereich, sowie die Sohle zusätzlich mit Carbonfaser verstärkt, die Konstruktion nennt sich  Scarpas Carbon Core Technology. Auch Scarpas Axial Alpine Technology ist am F1 Evo zu finden: Leider als fixe Ausführung, weshalb die Zunge nicht aufgeklappt werden kann und der Einstieg etwas schwerer fällt. Aber dieses Prozedere hat man schließlich pro Skitourentag nur einmal.

Scarpa F1 Evo Test | Foto: Franz Mösbauer
Auf die Testbindung und fertig los: Mit dem F1 Evo lassen sich Höhenmeter spulen. Aufgrund der besonderen Konstruktion des Skitourenstiefels ist auch der felsige Gipfelaufbau locker zu bewältigen.

Nun aber zu den auffälligeren Details am F1 Evo: Vom Scarpa Alien, dem ambitionierten Wettkampfschuh, wurde das BOA-Verschlusssystem übernommen. Subjektiv sitzt der Schuh zwar weniger fest am Fuß, wird aber ausreichend fixiert. Zum Öffnen einfach das Drehrad hochziehen und fertig. Parallel zum Powerstrap am oberen Schaft geht Scarpa auch hier neue Wege: Über einen Klettverschluss wird die Schnallenweite eingestellt. Im offenen Zustand bietet die Klett-Schnalle optimale Beweglichkeit für den Aufstieg, geschlossen sitzt der Skitourenstiefel ausreichend fest. Somit muss der Verschluss nur mehr einmal am Tag verstellt werden.

Neu und innovativ: Der Ski&Walk-Mechanismus Tronic No Hand

Und nun, Ladies and Gentlemans, die größte Innovation: der neue Ski&Walk-Mechanismus Tronic No Hand! Durch dieses System rastet beim Einstieg in das Fersenteil einer Pin-Bindung automatisch die Vorlagenposition ein. Ein Metallstab wird durch die beiden Stifte am Fersenteil der Bindung nach oben geschoben, wodurch die Fixierung einrastet. Funktioniert auf der Werkbank prima. Spannend wird’s in der Praxis.

Ein Skitourenstiefel mit Feeling

Der Innenschuh des F1 Evo wird geschnürt, wodurch er fest am Fuß sitzt. Eingearbeitet sind verschiedene Flexzonen, die ihren Teil zu der großen Schaftbeweglichkeit von plus/minus 45 Grad beitragen. Ansonsten ist der Innenschuh etwas dünner, leichter und erwartungsgemäß kühler als beim Maestrale.Die Schale ist deutlich kürzer als bei einem Skitourenschuh mit ausgeprägtem Sohlenrand. Die kürzere Sohle macht aber durchaus Sinn und dürfte beim Klettern auf felsigem Untergrund, insbesondere mit Steigeisen, Vorteile bieten und auch der Drehpunkt rückt mehr unter den Fuß. Eventuell muss eine bereits montierte Bindung beim Umstieg auf den F1 Evo noch angepasst werden.

Auf zum Praxistest: Der Aufstieg mit dem F1 Evo

Ein Skitourenschuh will schließlich raus in die Berge. Doch bevor es auf Tour geht, muss man in den Schuh hinein – was etwas mühsam ist. Durch die ausgeprägte Ferse und die fixe Zunge erinnerte das Anziehen etwas an die Bemühungen bei meinen Kletterschuhen. Aber einmal drin, sitzt der Schuh deutlich bequemer. Bereits auf dem Weg vom Parkplatz in den Schnee macht sich die gute Dämpfung der Sohle angenehm bemerkbar. Auch die Beweglichkeit des Schaftes beim Gehen – mit oder ohne Ski – ist überzeugend. So lassen sich bequem die Höhenmeter spulen und auch vor dem felsigen Gipfelaufbau schreckt der Schuh nicht zurück. Dass ich bei einer der Testtouren kühle Füße bekomme, liegt vielleicht auch an der etwas zu klein gewählten Größe des Testschuhs. Eine halbe Nummer größer, wie bei meinem Scarpa Maestrale, wäre hier von Vorteil gewesen. Ansonsten überzeugt der Schuh im Aufstieg voll und ganz: Er ist leicht, bequem, flexibel, besitzt eine sehr gute Dämpfung und vor allem ein gutes Gefühl beim Klettern im Fels.

Die Abfahrt mit dem F1 Evo

Scarpa F1 Evo Test | Foto: Franz Mösbauer
Das System hinter dem Scarpa F1 Evo: Der neue Ski&Walk-Mechanismus Tronic No Hand! Beim Einstieg in das Fersenteil einer Pin-Bindung rastet automatisch die Vorlagenposition ein. Ein Metallstab wird durch die beiden Stifte des Fersenteils nach oben geschoben, wodurch die Fixierung ausgelöst wird.

Gespannt bin ich, wie sich der Schuh bei der Abfahrt verhält. Für den Test fahre ich den F1 Evo mit meinem alten Black Diamond Mira (Mitte 79 Millimter , 162 Centimeter), da ich ansonsten den neueren Ski umbohren müsste. Also Schuh schließen: Kein Eineisen beim Boa-Verschluss und auch die obere Schnalle muss nur umgelegt werden. Powerstrap festgezurrt und fertig. Rein in die Bindung und schon ist auch die Vorlagestellung automatisch eingestellt und fixiert. Hey, das Tronic-System funktioniert echt prima!

Auf der „Rotwandreibn“ sind dann die Bedingungen alles andere als optimal: Die Verhältnisse hart, eisig und ruppig bzw. schwerer, feuchter Triebschnee machen es mir nicht unbedingt leicht. Im steilen, harten Gelände fühle ich mich mit dem Schuh ziemlich wohl und auch die Kraftübertragung auf den Ski ist sehr direkt. Bei wenig Speed im schweren Tiefschnee lässt sich die Ski mit dem F1 Evo gut kontrollieren. Ich finde, dass durch die Carbon-Layer die Schale steif genug ist, aber doch noch den notwendigen Flex für eine aktive Fahrweise bietet. Erst wenn man mehr auf die Tube drückt, wird es bei schwerem oder zerfahrenem Schnee unkontrolliert. Bei den fünf Abfahrten der Tour funktioniert der Scarpa F1 Evo perfekt, das Tronic-System bietet keinen Kritikpunkt.

Scarpa F1 Evo Test | Foto: Franz Mösbauer
Design und Material ist aufeinander abgestimmt! Schon auf der ISPO 2014 hat das die Jury des ISPO AWARDS gewürdigt!

Ein kleiner Dämpfer kommt schließlich auf der nächsten Tour in Lüsens: Nach dem Vormittagsprogramm an den Hängenden Gärten bin ich froh um die leichten Schuhe, da wir den Tag mit dem Fernerkogel ausklingen lassen wollen. Traumtag. Traumpulver. Am Skidepot dann die Ernüchterung: die Vorlageeinstellung lässt sich nicht fixieren. Kein Schnee im Schuh, nichts ist vereist, trotzdem rastet die Vorlage nicht ein. Später werde ich von Scarpa erfahren, dass an dem Prototyp mit dem ich unterwegs bin, noch ein paar Dinge überarbeitet werden. Zunge, Mechanik und Schale werden für ein perfektes Zusammenspiel angepasst, das im Serienmodell definitiv zu haben sein wird. Es hat also nicht unbedingt immer nur Vorteile mit Testmaterial oder Prototypen unterwegs zu sein – spannend ist es aber allemal. Der äußerst positive Gesamteindruck vom Scarpa F1 Evo bleibt – vom Dämpfer am Fernerkogel abgesehen – erhalten.

Fazit zum Scarpa F1 Evo Test

Ab Herbst 2014 neu: Der F1 Evo von Scarpa. Natürlich gibt's den Skitourenstiefel auch als Damenvariante. | Foto: Scarpa
Ab Herbst 2014 neu: Der F1 Evo von Scarpa. Natürlich gibt’s den Skitourenstiefel auch als Damenvariante. | Foto: Scarpa

Die Neuerungen am F1 Evo runden das Gesamtkonzept des ohnehin schon sehr optimierten Skitourenstiefels ab. Schwerpunktmäßig spricht der neue Scarpa den höhenmeterfressenden und eher ambitionierten Skibergsteiger an. Auch all diejenigen, die einen leichten Schuh für technische Anstiege mit anschließender, anspruchsvoller Abfahrt suchen, sollten sich den Schuh genauer anschauen. Die Gesamtperformance beim Aufstieg und der Abfahrt sprechen für sich, genauso wie das schnelle und einfache Umstellen zwischen Aufstieg und Abfahrt. Aber der Schuh scheint sich auch gut für die breiteren Skier, wie den „Cham High Mountain 97“ von Dynastar, zu eignen, wie uns Vivian Bruchez aus dem Dynastar Freeride-Team erst kürzlich auf seiner Facebook-Seite zeigte.

Im Detail muss man die einfache Bedienung und das schnörkellose Design der des F1 Evo loben. Alles spielt optimal zusammen und die Schaftbeweglichkeit ist wirklich sehr gut, was sich vor allem bei technisch anspruchsvollen Anstiegen bemerkbar macht. Bei Abfahrten wird einfach der Skitourenstiefel in die Pins der Bindung gedrückt und schon stellt sich die Abfahrtsstellung ein: Die Tronic No Hand Funktion ist in jedem Fall etwas besonderes! Auch das Gewichts- und Performanceverhältnis ist überzeugend. Das Leichtgewicht schafft doch tatsächlich eine direkte Kraftübertragung und damit eine Abfahrtsperformance wie ich sie mir wünsche. Ohne Ski an den Stiefeln gibt es auch nichts zu meckern: Der gut dämpfende, orange Bereich der Sohle bewährt sich super beim Gehen ohne Ski. Gerade im Frühjahr bei längeren Tragepassagen ist das ein Pluspunkt, vor allem bei regelmäßigen Ausflügen auf felsigen Untergründen z.B bei Skihochtouren.

Der Einstieg in den Scarpa F1 Evo ist konstruktionsbedingt etwas mühsam, muss aber nur einmal am Tag absolviert werden. Mir persönlich kam der Innenschuh etwas kühl vor, was aber auch an der gewählten Größe gelegen haben könnte. Schnell frierende Menschen sollten hier vielleicht aufpassen.

Schon im Vorfeld gelobt und prämiert: Best New Snow Gear ISPO 2014

Der Scarpa Skitourenstiefel scheint also nicht nur im Design stimmig zu sein, sondern lässt sich auch vielseitig einsetzen. Auf der ISPO 2014 konnte der Scarpa F1 Evo jedenfalls schon mit Material und Funktion und deren Zusammenarbeit überzeugen:

Details zum Scarpa F1 Evo

  • Einsatzbereich: Skialpinismus, ambitioniertes Skitourengehen, Skihochtouren
  • Technik / Konstruktion: Ski&Walk Mechanismus Tronic No Hand
  • Kompatibilität zu Bindungen: Dynafit, Vipec 12, ATK, G3 ION, Plum, Trab TR-Race etc.
  • Modellvarianten: Herrenmodell (Gr. 24,5 – 31 Millimeter) und Damenmodell (Gr. 21,5 – 27 Millimeter)
  • Gewicht: 1.130 Gramm (bei der Gr. 27)
  • Vorraussichtlicher Preis: laut Scarpa: 579,90 Euro

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