Wissen ist Trumpf

Lawinenlagebericht – was steht da eigentlich drin?

9 Minuten Lesezeit
Wissen ist im Winter Macht - und vor allem mindert es das Lawinenrisko. Eine der besten Quelle, um die aktuelle Lawinensituation einschätzen zu können, ist der Lawinenlagebericht. Bergzeit Autor Markus Stadler erklärt Dir, welche Infos Du in den Berichten findest und welche Unterschiede es zwischen den einzelnen Warndiensten gibt.

Der Einschätzung des Lawinenrisikos kommt im Winter bei allen Bergsportdisziplinen besondere Bedeutung zu – sei es beim Skibergsteigen, Schneeschuhwandern oder beim Eisklettern.  Ausschlaggebend dafür sind neben individuellen Faktoren (Wissen, Erfahrung, Ambitionen, Psyche, Gruppeneinfluss etc.) und topografischen Gegebenheiten (Steilheit, Exposition, Höhenlage) vor allem die lokalen Wetter- und Schneebedingungen. Für letzteres stellt der Lawinenlagebericht (Lawinenprognose, Lawinenbulletin) die wichtigste Quelle dar. Welche Informationen Dir die Lawinenwarndienste zur Verfügung stellen, wie Du sie für Deine Tourenplanung einsetzen kannst und wo es noch Unterschiede bei verschiedenen Warndiensten gibt, erklärt Dir dieser Beitrag.

Gletischneeabgänge im Lechtal
Damit man das Risiko für solche Gleitschneelawinen einschätzen kann, gehört die Beurteilung des Lawinenrisikos zum Sport abseits der gesicherten Pisten im Winter zur Vorbereitung.  | Foto: Markus Stadler

Lawinenlageberichte im Alpenraum

Entlang des gesamten Alpenbogens, zwischen den Seealpen im Westen und dem Schneeberg kurz vor Wien im Osten, veröffentlichen insgesamt 17 verschiedene nationale oder regionale Warndienste Informationen über die örtliche Lawinenlage. Unter dem Dach der EAWS (European Avalanche Warnings Services) einigte man sich in den vergangenen 35 Jahren auf allerlei gemeinsame Standards, angefangen von einer einheitlichen Gefahrenskala bis hin zu den sogenannten Lawinenproblemen. Über die Website der EAWS gelangt man durch Klick in eine interaktive Karte zu den jeweiligen Websites und oft auch direkt zu den Lageberichten der Mitglieder der Organisation.

Die Informationspyramide: Das Wichtigste zuerst

Informationspyramide im Lawinenlagebericht
Der Lawinenlagebericht sollte im Idealfall nach der Informationspyramide und dem Motto „das Wichtigste zuerst“ aufgebaut sein. | Grafik: IFALP

Im Optimalfall ist ein Lawinenlagebericht anhand der Informationspyramide aufgebaut. Die Darstellung folgt dabei den beiden Prinzipien „Das Wichtigste zuerst“ und „Vom Einfachen zum Schwierigen“. Das bedeutet: Ganz oben und am auffälligsten dargestellt, ist die Gefahrenstufe, in der alle verfügbaren Informationen auf eine Zahl eingedampft wurden. Dann folgen Angaben zur Höhenlage und zur Exposition sowie die grundlegenden Lawinenprobleme. Danach kommen detailliertere Angaben zur Gefahrenbeurteilung sowie Zusatzinformationen zum Schneedeckenaufbau und zur Wetterentwicklung. Weitere Hintergrundinformationen wie Unfallanalysen, Stationsmesswerte oder Schneeprofile ergänzen das Angebot in vielen Fällen.

Lawinenprognose und Einzelhangbeurteilung

Die Angaben in den Lawinenbulletins gelten immer für ein größeres Gebiet (> 100 qkm). Die Gefahrenstufe gibt eine Aussage über die Verbreitung der Gefahrenstellen, die Auslösewahrscheinlichkeit und die Lawinengröße in der gesamten Warnregion. Es ist also eine Art Mittelwert, die situationsabhängig mehr oder weniger Ausreißer haben kann. So kann es auch bei Stufe 1 (geringe Lawinengefahr) gefährliche Stellen geben, genauso wie man bei Stufe 5 noch irgendwo einen stabilen Hang finden kann. Die Gefahrenstufe kann daher keine konkrete Aussage über die Stabilität der Schneedecke in einem einzelnen Hang geben. Sie ist nur ein Hinweis darauf, mit welcher Wahrscheinlichkeit der Einzelhang als sicher oder kritisch zu beurteilen ist. Mit den Angaben in den unteren Stufen der Informationspyramide kann ich diese Wahrscheinlichkeitsaussage weiter konkretisieren. Der Lawinenlagebericht ist daher in erster Linie ein Mittel zur Tourenplanung. Eine differenzierte Beurteilung erfordert in der Regel weitere Beobachtungen vor Ort (z. B. ob frischer Triebschnee im Hang liegt).

Lawinenlandkarte
Überblick über den Alpenraum mit seinen Warnregionen und farblicher Darstellung der Gefahrenstufe. | Grafik: IFALP

Gefahrenstufe

Die Lawinengefahr wird in fünf Stufen eingeteilt von Stufe 1 (gering) bis zu Stufe 5 (sehr groß). Letztere ist extrem selten (durchschnittlich weniger als ein Tag pro Winter, in vielen Jahren überhaupt nicht), daher sind eigentlich nur die Stufen 1-4 für Tourengeher relevant. Während man sich bei geringer Lawinengefahr auch als Anfänger auf die allgemein üblichen, regelmäßig begangenen Standardtouren begeben kann, müssen bei Stufe 4 (groß) selbst die Profis ganz genau überlegen, welche Touren überhaupt noch verantwortbar sind. Interessant wird es daher besonders bei Stufe 2 und Stufe 3. Hier ist die Bandbreite der möglichen Optionen am größten. Dazu rückt man in der Informationspyramide nach unten und schaut sich detaillierter an, welche Höhenlagen und welche Hangrichtungen vorrangig betroffen sind und mit welcher Art von Lawinenproblem man es zu tun hat.

Lawinenprobleme

Anhand von charakteristischen Symbolen oder auch im Text wird meist eines oder mehrere der folgenden fünf Lawinenprobleme genannt, auf die besonderes Augenmerk zu richten ist:

Schneebrett aus Triebschneeansammlung
Ein Schneebrett, das aus einer Triebschneeansammlung entstanden ist, ist keine Seltenheit. | Foto: Markus Stadler
  1. Neuschnee
    Fällt viel Schnee in kurzer Zeit leuchtet selbst dem Laien ein, dass die Lawinengefahr steigt. Was „viel“ bedeutet, hängt davon ab, wie günstig die Oberfläche des Altschnees beschaffen ist, damit sich der Neuschnee mit ihr verbinden kann und wie gleichmäßig und bei welchen Temperaturen der Schnee fällt. Zudem muss man das Einzugsgebiet beachten, da hier auch oft spontane Lawinen vorkommen. Oft besonders kritisch: Der erste schöne Tag nach Neuschneefall.
  2. Triebschnee
    In den meisten Fällen bei Neuschnee ebenfalls im Spiel, zumindest in den Kammlagen. Vom Wind verfrachteter Schnee bindet sich immer zu einem Schneebrett und lässt sich vor allem bei kalten Temperaturen oft sehr leicht auslösen. Tückisch: Kann auch bei strahlendem Sonnenschein viele Tage nach dem letzten Schneefall plötzlich entstehen, sobald stärkerer Wind aufkommt, der Schnee verfrachtet. Vorteil: Gefährliche Stellen sind für Geübte bei guten Sichtverhältnissen meistens gut zu erkennen und damit zu umgehen.
  3. Altschnee
    Heimtückische Situation, bei der eine Schwachschicht in der Altschneedecke (z. B. Schwimmschnee) auf einen Belastungsimpuls brechen und sich der Bruch in der Schneedecke über große Flächen ausbreiten kann. Problem: Auch von Profis nur schwer zu erkennen oder einzuschätzen. Empfehlung: Die im Lagebericht genannten Bereiche je nach Ausprägung komplett meiden oder nur mit großen Entlastungsabständen begehen.
  4. Nassschnee
    Durch Erwärmung oder Regen durchnässt die Schneedecke bis auf eine Schwachschicht und verringert dadurch die Stabilität der Schneedecke, so dass sie (meist als Spontanlawine) abgleitet. Vorteil: Nach klaren Nächten super stabile Schneedecke und dann mit richtiger Zeitplanung sehr sicher handhabbar. Kritisch: Unerwartet bewölkte Nacht und vor allem einsetzender Regen.
  5. Gleitschnee
    Die gesamte Schneedecke gleitet auf glattem Untergrund spontan ab. Gleitschneelawinen können nicht durch Zusatzbelastung von Skifahrern ausgelöst werden und ihr Abgangszeitpunkt kann auch nicht im Detail vorausgesagt werden. Nasse Gleitschneelawinen ähneln Nassschneelawinen und gleiten bevorzugt bei sehr starker Durchfeuchtung ab (bei Regen, in Tauwetterphasen mittags bis kurz nach Sonnenuntergang). Trockene Gleitschneelawinen hingegen können auch nachts und bei großer Kälte losbrechen – Hinweise auf das Risiko dafür gibt der Lawinenlagebericht. Empfehlung: Bereich unter Gleitschneerissen (Fischmäulern) meiden oder zügig durchqueren.

Gefahrenbeurteilung und Zusatzinformation

In diesen Textabschnitten der Bulletins werden normalerweise die Informationen aus den vorangegangen, stark zusammengefassten oder nur grafisch dargestellten Stufen der Informationspyramide detaillierter aufgeschlüsselt. Es können differenzierte Informationen zu betroffenen Geländeformen, zur Lawinengröße, zur Auslösewahrscheinlichkeit (spontane Lawinen oder mit eher geringer bzw. großer Zusatzbelastung auslösbar) oder zu lokalen Abgrenzungen enthalten sein. Darüber hinaus können kritische Schwachschichten, Neuschneemengen oder die Beschaffenheit der Schneeoberfläche (Bruchharsch oder Pulverschnee) erwähnt werden. Auch relevante Hinweise auf die Witterung (zu erwartender Neuschnee, Temperaturverlauf, Wind) finden sich hier.

Sonstiges

Fast jeder Lawinenwarndienst bietet darüber hinaus weitere nützliche Angebote, die zwar kein Muss sind, aber für Interessierte trotzdem willkommenen Input liefern. So versorgen uns der Bayerische Lawinenwarndienst und das SLF aus der Schweiz vor jedem Wochenende mit Wochenberichten, die einen Rückblick auf die vergangenen Tage zur Wetterentwicklung, Neuschneefällen, Schneedeckenaufbau, Lawinenaktivität und oft auch zu den Skitourenbedingungen (Schneegrenze, Schneequalität) liefern. Einen ähnlichen Service stellt z. B. der Lawinenwarndienst Tirol in seinem Blog zur Verfügung, wo darüber hinaus bei Bedarf auch konkrete Hinweise auf bevorstehende besondere Lawinensituationen oder Analysen von Unfällen erscheinen. Bei den Warndiensten im Osten Österreichs (Salzburg, Steiermark) sind Tourenforen sehr beliebt, in denen Nutzer Bilder und Tourenbedingungen posten.

Unterschiede der einzelnen Lawinenlageberichte

Abgang Lockerschneelawine
Klassischer Abgang einer Lockerschneelawine neben einem Tourengeher. | Foto: Markus Stadler

Trotz vieler Vereinheitlichungen fallen auf den ersten Blick Unterschiede in der Darstellung und Usability der verschiedenen Lawinenlageberichte auf. Der Mehrsprachenstaat Schweiz bietet die Informationen komplett viersprachig (Deutsch, Englisch, Französische, Italienisch). Das gemeinsame Euregio-Projekt für Tirol, Südtirol und Trentino wird immerhin dreisprachig (DE, IT, EN) angeboten. Ansonsten steht oft eine englische Version zur Landessprache bereit oder es gibt eine automatisierte Google-Übersetzung. Einige österreichische, italienische, der französische und der slowenische Lagebericht werden nur in der Landessprache erstellt.

Die Lawinenprognosen für Bayern, die Schweiz, Frankreich und Slowenien sind jeweils landesweit einheitlich und werden von allen Warndiensten einigermaßen ähnlich anhand der Informationspyramide aufgebaut. Allerdings haben es die Lawinenprobleme noch nicht bis Frankreich geschafft. Die Prognosen werden jeweils am Vorabend für den nächsten Tag erstellt, die Ausgabezeitpunkte unterscheiden sich minimal (16 Uhr – 17.30 Uhr). Bei Bedarf erfolgt am Morgen eine Aktualisierung. Ausnahme ist Slowenien, wo der Bericht am Vormittag erscheint.

In Österreich hat jedes Bundesland seinen eigenen Lawinenwarndienst, und jeder kocht sein eigenes Süppchen bzw. hat eine eigene Website. Meistens erscheinen die Bulletins am Vorabend, in Vorarlberg erst am Morgen. Meistens erfolgt der Aufbau nach dem obigen Standardschema – nur in Salzburg kennt man (noch) keine „Lawinenprobleme“. Ein Sonderfall ist dabei Tirol. Seit dem letzten Winter wird ein gemeinsamer Lagebericht für die EUREGIO Tirol, Südtirol und Trentino herausgegeben.

Damit sind wir in Italien, wo sich das chaotischste Bild bietet. Das beginnt schon damit, dass hier verschiedene Institutionen bei der Lawinenwarnung mitmischen. Italienweit konkurriert das Verteidigungsministerium bzw. seine Abteilung Meteomont mit dem eigentlichen Lawinenwarndienst AINEVA. Da kann es schon mal vorkommen, dass für das gleiche Gebiet unterschiedliche Warnstufen ausgegeben werden. Dabei ist AINEVA ausführlicher und differenzierter, allerdings nur auf Italienisch. Die autonomen Provinzen Aosta, Südtirol und Trentino haben eigene Abteilungen für die Lawinenwarnung. Die beiden letzteren veröffentlichen ihren Lawinenreport aber gemeinsam mit Tirol im EUREGIO-Bericht. Die AINEVA hat aber auch diese Regionen im Portfolio und veröffentlicht dazu alle paar Tage einen eigenen Lagebericht (der sich nicht unbedingt mit dem anderen deckt).

IFALP

Neben dem Zusammenschluss der Lawinenwarndienste in der EAWS, hat sich im Winter 2019/20 eine Initiative auf Seiten der Nutzer gegründet, die sich ebenfalls für eine alpenweite Vereinheitlichung der verschiedenen Lageberichte einsetzt. Neben den oben aufgeführten Abweichungen in der Zugänglichkeit und Usability werden nämlich auch die eigentlich festgelegten Standards wie die Definitionen der Lawinengefahrenstufe verschieden ausgelegt. In einer Studie wurde festgestellt, dass z. B. vom französischen Lagebericht oder der AINEVA deutlich häufiger die Gefahrenstufen 4 und 5 ausgegeben wurden als in Österreich oder der Schweiz. Ausführlichere Informationen dazu finden sich auf der Website Ifalp.org.

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Die IFALP setzt sich für eine alpenweite Vereinheitlichung der verschiedenen Lawinenlageberichte ein. | Foto: IFALP

Literatur zum Thema

Wenn Du Dich weiter und eingehender mit dem Thema Skitouren und der richtigen Vorbereitung sowie Lawinenkunde beschäftigen möchtest, empfehlen wir Dir das umfassende Skitourenlehrbuch „Skitouren: Ausrüstung – Technik – Sicherheit“ von unserem Bergzeit Autor Markus Stadler, das im Bergverlag Rother erschienen ist.

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