In einer Biwakschachtel zu übernachten, ist ein ganz besonderes Erlebnis. Doch was macht Biwakschachteln aus? Wo stehen die meisten Biwakschachteln? Welche Ausrüstung ist für eine Übernachtung notwendig? All das und mehr klärt Bergzeit Magazin-Redakteur Arnold Zimprich in diesem Artikel.

Eine Nacht in den Bergen zu verbringen, gehört für Kletterer, Bergsteiger und Wanderer einfach dazu! Es gibt vielerlei Möglichkeiten, hochalpin zu nächtigen. Sei es nun im Camper am nächstgelegenen Parkplatz, in einer Berghütte, im Biwaksack unter dem Sternenhimmel oder in einer Biwakschachtel.

Was ist eine Biwakschachtel?

Notunterkunft Biwakschachtel: Dass das Karl Schuster-Biwak im Karwendel überhaupt aufgestellt wurde, ist das Resultat eines schweren Bergunglücks in der Laliderer Nordwand. | Foto: Arnold Zimprich
Notunterkunft Biwakschachtel: Dass das Karl Schuster-Biwak im Karwendel überhaupt aufgestellt wurde, ist das Resultat eines schweren Bergunglücks in der Laliderer Nordwand. | Foto: Arnold Zimprich

Eine Biwakschachtel ist eine kleine Hütte, oft auch nur in der Größe eines kleinen Bauwagens, die entweder:

  1. in hochalpinen Regionen als Notunterkunft,
  2. als Ausgangspunkt für hochalpine Gipfeltouren (z.B. das Bivacco Col de La Fourche, Bivouac Eccles (beide in der Mont Blanc-Gruppe), das Bivacco Marinelli in der Monte Rosa-Ostwand) und das Glocknerbiwak (Großglockner)
  3. besonders in den Südalpen als günstige Alternative zu bewirtschafteten Berghütten errichtet wurde.

Mit Biwakieren im engeren Sinn – also einer spartanisch ausgestatteten Übernachtung im Freien – hat eine Biwakschachtel wenig zu tun. Sie bietet etwas mehr Sicherheit und Wetterschutz, wenn sich keine Alpenvereinshütte oder eine andere adäquate Unterkunft in der Nähe befindet. Biwakschachteln stehen daher auch häufig an exponierten Orten, von denen die nächste klassische Berghütte weit entfernt ist.

Biwakschachteln als Teil der Bergsteigerkultur

Die Ausstattung von Biwakschachteln kann je nach Bergregion sehr unterschiedlich ausfallen. Gibt es im deutschen Alpenraum nur ein halbes dutzend Biwakschachteln – die vielleicht bekannteste davon die auf 2.380 Metern gelegene Biwakschachtel in der Watzmann-Ostwand sowie die knallrote, von Hanwag gesponserte Biwakschachtel auf dem Jubiläumsgrat (2.685 m) zwischen Alp- und Zugspitze – sieht es im benachbarten Österreich schon anders aus. Aufgrund der höheren Berge und der längeren Zustiege gibt es deutlich mehr Notunterkünfte. Darunter so hoch gelegene wie das Rheinland-Pfalz-Biwak (3.247 m) in den Ötztaler Alpen, das Otto-Umlauft-Biwak (2.987 m) am Tauernhauptkamm oder das Karl-Schuster-Biwak (2.495 m) im Karwendel.

Eins haben jedoch die deutschen und österreichischen Biwakschachteln gemein: Sie wurden mitnichten als eigenständige Bergunterkünfte errichtet, die bereits bestehende Berghütten ergänzen und günstigere Übernachtungsalternativen bieten sollen. Sie sollen – zumindest im Idealfall – reine Notunterkünfte darstellen.

Biwakland Italien

In höheren Alpenregionen sind Biwakschachteln nicht nur Notlösungen, sondern dienen als vollwertige Bergunterkünfte, die bei der Tourenplanung entsprechend berücksichtigt werden. | Foto: Franz Mösbauer
In höheren Alpenregionen sind Biwakschachteln nicht nur Notlösungen, sondern dienen als vollwertige Bergunterkünfte, die bei der Tourenplanung entsprechend berücksichtigt werden. | Foto: Franz Mösbauer

Bei unseren italienischen Bergnachbarn sieht das schon anders aus. Hier gibt es eine regelrechte „Biwakschachtelkultur“. Biwakhütten und -schachteln ergänzen die vollbewirtschafteten Hütten des Club Alpino Italiano (CAI) vollumfänglich und werden bei der Tourenplanung als Übernachtungsorte eingeplant. Allein ihre Anzahl ist überwältigend. Die informative Seite rifugi-bivacchi.com listet im italienischen Alpenraum weit mehr als 100 Biwakschachteln auf.

So breit die Auswahl, so groß sind auch die Unterschiede zwischen den Biwakschachteln. Von recht spartanisch ausgestatteten „Bauwagen“-Biwaks wie dem Bivacco Rainetto Gino am Petit Mont Blanc bis hin zu luxuriösen Biwakhütten (die fast schon einer kleinen Alpenvereinshütte ohne Bewirtschaftung ähneln) wie dem Bivacco Cingino im Valle Antrona oder dem Bivacco Boarelli am Monviso ist alles dabei!

In Frankreich, der Schweiz und Slowenien verhält es sich tendentiell wieder wie in Österreich. Biwakschachteln sind also primär als Notbiwaks an hochalpinen Orten installiert, eine regelrechte „Biwakkultur“ wie in Italien existiert nur sehr eingeschränkt.

Der Zugang zu Biwakschachteln

Die meisten Biwakschachteln stehen – ihrer Funktion als Notunterkunft gerecht werdend – jedem zur Benutzung offen. Doch Achtung: Kann man sich auf diese Regel in den West- und Südalpen verlassen, gibt es in den deutschsprachigen Alpenländern mitunter kleine „Selbstversorgerhütten“, die zwar auf den ersten Blick wie eine Biwakschachtel anmuten, von den sie betreuuenden Alpenvereinssektionen aber wie Winterräume behandelt werden und zum Teil nur mit einem sogenannten „AV-Schlüssel“ zugänglich sind. Diesen muss man im Vorhinein bei der jeweiligen Sektion ausleihen, sonst steht man womöglich vor verschlossener Tür.

  • Die wohl reichhaltigste Informationsbasis für Biwakschachteln – speziell in Frankreich und Italien – weist die bereits oben genannte Website rifugi-bivacchi.com auf. Allein die Fülle der auf der Website hinterlegten Biwakschachteln beweist, welche Rolle Biwaks im italienischsprachigen Raum spielen. Dazu listet sie noch alle anderen Hütten auf – übersichtlich nach Regionen geordnet.
  • In Deutschland und Österreich liefert die Funktion „Hüttensuche“ auf der Website des Deutschen Alpenvereins einen stets aktuellen Überblick, welche Selbsversorgerhütten nur mit AV-Schlüssel zugänglich sind und welche offen stehen.
  • Schweiz: Wer sich Informationen zu Schweizer Hütten holen will, ist auf der offiziellen Website des SAC gut aufgehoben. Auch die private Website schweizer-huetten.ch liefert praktische Informationen.

Welche Rolle spielen Öffnungszeiten bei Biwakschachteln?

Das Bivacco Boarelli gehört klar zur Kategorie "luxuriöse Biwakhütte" - in den italienischen Alpen kann das Wörtchen "bivacco" durchaus für eine komfortable Bergunterkunft stehen. | Foto: Arnold Zimprich
Das Bivacco Boarelli gehört klar zur Kategorie „luxuriöse Biwakhütte“ – in den italienischen Alpen kann das Wörtchen „bivacco“ durchaus für eine komfortable Bergunterkunft stehen. | Foto: Arnold Zimprich

Bei Biwakschachteln gibt es keine Öffnungszeiten wie bei Berghütten. Die meisten Hütten stehen das ganze Jahr über offen (s.o.). Regelrecht verschlossen und damit auch nicht mit einem AV-Schlüssel zugänglich sind sie nur in Ausnahmefällen wie beispielsweise bei Schäden, die durch Lawinen oder andere Naturereignisse hervorgerufen wurden.

Zur Einrichtung von Biwakschachteln

Was die Ausstattung und Einrichtung von Biwakschachteln angeht, gibt es keinen alpenübergreifenden Standard. Die Bandbreite reicht von spartanischen Hüttchen mit einigen durchgelegenen Matratzen für vier bis sechs Personen bis hin zu luxuriös ausgestatteten Biwakhütten mit eigenem Ofen, vollwertiger Küchenausstattung und Solarzellen am Dach, die mehr als zehn Bergsteigern oder Kletterern Unterkunft bieten. Doch auch diese Ungewissheit macht einen Reiz bei Übernachtungen in Biwakschachteln aus – man weiß nie so genau, was einen erwartet, wenn man die jeweilige Notherberge nicht schon kennt!

Damit einhergehend stellt sich gleich die Frage nach den Regeln, die man bei der Benutzung einer Biwakschachtel beachten sollte:

  1. Hinterlasse die Biwakschachtel so, wie Du sie vorgefunden hast! Wenn Besen vorhanden, ausfegen; Decken zusammenlegen; Küchenecken aufräumen und Ess-Utensilien reinigen.
  2. Biwakschachtel wetterfest verrriegeln! Da im Hochgebirge gelegene Biwakschachteln oft auch im Hochsommer von Schnee und Eis heimgesucht werden, sollte man Fenster und Türen zu jeder Jahreszeit sorgfältig verriegeln.
  3. Speziell bei hochalpinen Biwaks: Nahrungs- und Brennstoffvorräte auffüllen! Hat man auf einer Biwakschachtel Gas oder Benzin verbraucht oder sein Abendessen mit von anderen Bergsteigern übrig gelassenen Nahrungsmitteln aufgebessert? Dann freuen sich andere Bergsteiger und Kletterer, wenn man beim nächsten Besuch selbst etwas mitbringt und hinterlegt. Aber Vorsicht: Schnell heißt es in diesem Fall „Zu viel des Guten!“ Sind also schon reichlich Lebensmittel vorhanden, sollte man nicht zu spendabel sein. Das sorgt nur für verdorbene Lebensmittel und/oder lockt Schädlinge an.
  4. Schäden möglichst bald melden! Sollte man beim Besuch einer Biwakschachtel eine Beschädigung feststellen, diese dem Hüttenreferenten oder der DAV-/OeAV-/AVS-/SAC- oder CAI-Sektion mitteilen!

Wasser auf Biwakschachteln

Eine Biwakschachtel bietet mehr Komfort als ein Open-Air-Biwak - und Wetterschutz bei widrigen Bedingungen. | Foto: Franz Mösbauer
Eine Biwakschachtel bietet mehr Komfort als ein Open-Air-Biwak – und Wetterschutz bei widrigen Bedingungen. | Foto: Franz Mösbauer

Nichts ist schlimmer, als ohne Getränkevorräte auf einer hoch gelegenen Biwakschachtel anzukommen und festzustellen, dass es in der Nähe kein Wasser gibt. Zwar stehen speziell in hochalpinen Biwakschachteln, die in der Nähe von Gletschern liegen, ab und an Kanister, Flaschen oder Töpfe mit abgekochtem Wasser herum. Man kann sich jedoch nie sicher sein, wie alt und abgestanden dieses Wasser und ob es überhaupt noch genießbar ist.

Daraus lassen sich weitere drei „Wasserregeln“ ableiten:

  1. Wenn möglich, vor dem Start einer Tour auf eine Biwakhütte/-schachtel abklären, ob sich in der Nähe eine Wasserstelle/ein Bach/ein See befindet.
  2. Besteht in dieser Hinsicht Unsicherheit, sollten zwei große Wasserflaschen (pro Person 2L Volumen) und/oder ein Wassersack in/an den Rucksack. Unbedingt an der letzten sicheren Wasserstelle auffüllen – besser zu früh gefüllt als kein Wasser!
  3. Ist man sich nicht sicher, wie alt in Kanistern und anderen Behältern gespeichertes Wasser ist, lieber „frischen“ Schnee abkochen (ein kleiner Pocketkocher und eine kleine Gaskartusche passen in jeden Rucksack!)

Und noch ein paar Tipps zum Schluss:

  • Zu vielen Biwakschateln finden sich im Internet GPS-Koordinaten. Speziell bei schlechten Wetterverhältnissen helfen diese, die Biwakschachtel aufzufinden.
  • In den Südwestalpen kann man sogar „Biwak-Trekking“ betreiben: Auf Weitwanderwegen wie der Grande Traversata delle Alpi (GTA) kann bei Übernachtungen zwischen den üblichen Posto Stappas (Herbergen in den Talorten) und Biwakschachteln abgewechselt werden – die richtige Ausrüstung vorausgesetzt.
Das Bivacco Camposecco im Valle Antrona ist ein für Italien typisch eingerichtetes Biwak mit 6 Schlafplätzen, einem kleinen Schränkchen mit übriggelassenen Nahrungsmitteln sowie Kochutensilien. | Foto: Arnold Zimprich
Das Bivacco Camposecco im Valle Antrona ist ein für Italien typisch eingerichtetes Biwak mit 6 Schlafplätzen, einem kleinen Schränkchen mit übriggelassenen Nahrungsmitteln sowie Kochutensilien. | Foto: Arnold Zimprich

Fazit zum Thema Biwakschachteln in den Alpen

Biwakschachteln erfüllen eine Vielzahl von Zwecken: Sie sind Notunterkunft, dienen als geplante Übernachtungsorte auf einer Weitwanderung oder sind gar Ziel einer Bergunternehmung. Wer ein paar Regeln beachtet und bei der Planung Glück hat, kann sich auf unvergessliche Outdoor-Erlebnisse in den Bergen freuen. Auch wenn – wie vom Autor dieser Zeilen mehrfach erlebt – die Biwakschachtel voller sein sollte als im Tal erhofft: Es ergeben sich stets neue Bergfreundschaften – und es hat noch jeder eine passende Schlafunterlage gefunden.

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