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Das Gravelbike – die neue Form der Achtsamkeit

5 Minuten Lesezeit
Ist das Gravelbike für die Generation Weder-Noch erfunden worden? Für Menschen, die sich nicht festlegen wollen? Nein, findet Bergzeit Autorin Lisa. Es ist die zweirädrige Form der Achtsamkeit.

Vor über 200 Jahren, genauer im Jahr 1817, wurde ein Verkehrsmittel erfunden, ohne das wir uns die heutige Welt nicht mehr vorstellen könnten: das Fahrrad. Also ich könnte das zumindest nicht. Das Fahrrad war schon immer mein Verkehrsmittel der Wahl.

Aufgewachsen in einem 700 Einwohner-Dorf im Unterallgäu, bedeutete das Fahrrad Freiheit. Ich konnte überall hin, solange ich dafür eben meine Muskelkraft einsetzte. Wenn sich Mitschüler und Mitschülerinnen damals einen Roller wünschten, konnte ich das nicht fassen: „Warum Geld für Roller, Tanken etc. ausgeben, wenn man doch eh ein funktionierendes Rad in der Garage und vor allem zwei funktionierende Beine am Körper hat?!“ So trat ich in die Pedale. Fuhr 15 Kilometer zur Schule oder am Nachmittag zu Freunden. Damals hatte ich ein Mountainbike. Ein Fully, wie man zu der Zeit noch sagte. Das musste für alles herhalten. Lange Strecken ebenso wie Mountainbike-Touren am Gardasee.

Das Fahrrad war schon immer das liebste Fortbewegungsmittel von Bergzeit Autorin Lisa.

Moritz Zimmermann

Das Fahrrad war schon immer das liebste Fortbewegungsmittel von Bergzeit Autorin Lisa.


Enduro, Allmountain, Road und jetzt auch noch Gravel?

Wie sich mit der Zeit meine Interessen differenzierten, so wurden auch die Fahrräder immer spezieller: Enduro, Freerider, Allmountain, Hardtail, Trekking, Rennrad, Triathlonrad und so weiter und so weiter. Auch bei mir zog bald das alte Fully aus und ein Enduro ein. Die Trails verlangten schließlich Federweg – oder war das eher ich? Nun ja. Mit der Ausdifferenzierung der Fahrräder wurde dann ihr Einsatzbereich auch immer spezifischer. Mit meinem Enduro zu Freunden oder in die Arbeit fahren? Nee, das ist nur für die Trails gemacht. Lange Strecken oder das allmorgendliche Pendeln ins Büro? Kann man, geht doch aber irgendwie auch leichter, oder? So manifestierte sich bereits bei meinem ersten Job im oberbayerischen Oberammergau die Idee von einem schnellen, leichten Fahrrad. Aber: Es sollte nicht an asphaltierte Straßen gebunden sein. Der Asphalt war die Leitplanke meiner Freiheit.

Ich durchforstete also das Internet. Und siehe da: Es gab ein Fahrrad mit dem Namen Cyclocross. Ein Rennrad mit Reifen, die für sämtliches Terrain ausgelegt waren. Rennradfahrer nutzten im Herbst den Cyclocrosser zum Trainieren. Und zum Rennen fahren. Die Geometrie des Rahmens wurde damals einfach noch vom Rennrad übernommen. Da bei mir das Startkapital für ein zweites Rad allerdings noch nicht vorhanden war und ich meinen täglichen Arbeitsweg von fünf Minuten mit dem Stadtrad zu meinem nächsten Job in München nicht für ein neues Rad verargumentieren konnte, verflüchtigte sich dieser Traum wieder. Bis ich im Jahr 2019 bei Bergzeit in Otterfing anfing.

Die Strecke von München-Sendling nach Otterfing war mit rund 30 Kilometern ideal für das Pendeln mit dem Rad. Und mittlerweile hatte auch die Fahrradindustrie meinen Traum verwirklicht: das Gravelbike war geboren und konnte endlich in meine 3-Zimmerwohnung einziehen. Die Geometrie meines Gravelbikes ist etwas aufrechter als die Geometrie von Rennrädern. So kann man entspannter lange Strecken fahren, ohne das Gefühl haben zu müssen, dass die Halswirbel versteifen oder man wie Quasimodo vom Rad steigt. Und das Beste? Ich muss mich nicht festlegen.

Das Fahrrad für die Generation Weder-Noch?

Dieses Nicht-festlegen-wollen hat kürzlich ein Kolumnist der Zeit als Krankheit unserer sogenannten Generation Weder-Noch beschimpft und das Gravelbike als Ausgeburt eben dieser betitelt. Das Gravelbike sei für Menschen, die sich nicht zwischen Mountainbike und Rennrad entscheiden wollen. Doch das möchte ich hiermit dementieren. Ich liebe mein Mountainbike und ich fahre sehr gerne ausgiebige Touren in den Bergen mit ihm. Mountainbike eben. Doch warum sollte ich nur auf der Straße mit einem Rennrad schnell unterwegs sein dürfen? Warum darf ich nicht Forstwege und verbeulte Landstraßen nutzen? Ohne dabei vom Rad steigen zu müssen und ungelenk in viel zu engen Klamotten und klackenden Rennradschuhen neben meinem Rad herzustaksen.

Der Dropbarlenker an ihrem Gravelbike, für Lisa das Sinnbild für die neugewonnene Radl-Freiheit.

Lisa Amenda

Der Dropbarlenker an ihrem Gravelbike, für Lisa das Sinnbild für die neugewonnene Radl-Freiheit.


Das Gravelbike schenkt mir diese Freiheit. Es lässt bereits um 6 Uhr morgens meinen Arbeitsweg zum Abenteuer werden. Statt mich mit anderen Pendlern in der Bahn rumzuärgern oder kostbare Lebenszeit im Stau auf dem Mittleren Ring zu verbringen, beobachte ich Füchse, fahre mit Eichhörnchen um die Wette, lasse mich von den ersten Sonnenstrahlen blenden, von Punkmusik auf meinen Ohren zu neuen Bestzeiten anspornen oder ganz entspannt von Singer-Songwritern über den Radweg treiben. Und am Wochenende? Mache ich einen Ausflug zu einem 70 Kilometer entfernten Eisautomaten oder fahre einfach wieder mit dem Rad zu Freunden. Schnell mit dem Auto hin und wieder zurück ist doch langweilig. Nach einem hektischen Alltag will ich doch genau diese Ruhe, dieses stupide Treten an meinem Feierabend. Das Gravelbike lässt alles wieder langsamer werden. Es braucht dazu nicht immer die Reisen in weitentfernte Bikespots. Mit dem Gravelbike wird die Tour vor der Haustüre zur unvergesslichen Eskapade. Denn meine Beine geben wieder den Takt vor. Das mag nostalgisch klingen, aber doch auch hochmodern. Denn eifern wir nicht alle nach diesem Leben im Moment, nach Achtsamkeit, Mindfulness?

Für mich braucht‘s dafür keinen Yogakurs (und ja, ich bin zertifizierte Yogalehrerin). Für mich braucht‘s nur zwei Räder, einen Lenker und zwei Beine. Und die größtmögliche Unabhängigkeit, die mir ein Verkehrsmittel schenken kann. Und das kann nur das Fahrrad. Also beschreiben wir doch diesen Wunsch des Nicht-festlegen-wollens lieber als Wunsch nach Unabhängigkeit. Als neuen Traum von Freiheit.

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