• Seit 1999 online
  • Powered by 350 Bergsportler
  • Am Puls der Berge
Mit Fell und Verstand

Pistenskitouren: 9 Fragen zu Haftung, Regeln & Sorgfaltspflichten

8 Minuten Lesezeit
Welche Pistenregeln gelten für Tourengeher? Was musst Du in Sachen Unfallhaftung wissen und was gilt eigentlich aktuell in Zeiten von Corona? Julia Gebauer fasst die wichtigsten Fragen zum Thema Pistenskitouren zusammen.

Ob Pistenskitouren „richtige“ Skitouren sind oder nicht, darüber wird viel gesprochen und gestritten. Wahrscheinlich nicht. Aber um diese Frage geht es hier nicht. Fakt ist, immer mehr Tourengeher nutzen vorhandene Infrastruktur von Skigebieten, um sicher, schnell und bequem ihre Höhenmeter unter die Felle zu bekommen. Sie möchten fit bleiben oder einfach mit den Tourenski etwas unternehmen, wenn wegen hoher Lawinengefahr oder Schneemangel sonst gar nichts mehr geht.

Wo Vorteile sind, gibt es natürlich auch Nachteile. Um letztere jedoch gering zu halten und allen Beteiligten ein entspanntes und unfallfreies Miteinander zu ermöglichen, gilt es beim Unternehmen „Pistentour“ ein paar Gedanken im Hinterkopf zu behalten.

Aktuelles: Pistenskitouren in Corona-Zeiten

Während des aktuellen Lockdowns und der Schließung vieler Skigebiete erfreuen sich Skitouren zunehmender Beliebtheit. Das gilt insbesondere für Pistenskitouren, wo man sich derzeit schließlich kaum mit anderen Skiläufern in die Quere kommt. Doch ist es überhaupt erlaubt, auf einer geschlossenen Piste unterwegs zu sein und wie steht es dabei um die Sicherheit? Wir haben Dir hier die wichtigsten Fakten zusammengestellt.

Geschlossene Pisten sind nicht vor Lawinen gesichert. Es handelt sich dabei um alpines Tourengelände, das ein entsprechendes Können und die entsprechende Ausrüstung voraussetzt.

Dynafit

Geschlossene Pisten sind nicht vor Lawinen gesichert. Es handelt sich dabei um alpines Tourengelände, das ein entsprechendes Können und die entsprechende Ausrüstung voraussetzt.


  • Keine Gefahrensicherung in geschlossenen Skigebieten, keine Pistenpräparierung: Da Lifte und Bahnen in Deutschland derzeit (bis mindestens 31. Januar 2021) geschlossen sind, findet auch keine Gefahrensicherung des Skigebiets statt.
  • Ausrüstung und Kenntnisse für alpines Gelände notwendig: Bei geschlossenen Pisten handelt es sich um ungesichertes, alpines Gelände. Das Begehen der Piste erfolgt auf eigene Gefahr. Eine Lawinen-Notfallausrüstung und gute Kenntnisse, wie man sich im alpinen Gelände verhalten muss, ist daher auch bei einer Pistenskitour unbedingte Voraussetzung.
  • Der unpräparierte Schnee bedeutet eine erhöhte Anforderung an das skifahrerische Können. Pistenskitouren sind für Skitourengeher-Einsteiger derzeit keine Alternative und sollten zum Schutz der eigenen Gesundheit und der anderer Menschen unbedingt vermieden werden.
  • Weitere Gefahren: Um auf eine mögliche Öffnung der Skigebiete vorbereitet zu sein, sind in manchen Gebieten bereits Pistenbullis mit Seilwinden im Einsatz (auch tagsüber). Die bis zu 1,5 km langen Seilwinden sind nicht immer zu sehen und bedeuten für Skifahrerinnen und Skifahrer Lebensgefahr! Darüber hinaus sind die Pisten nicht beschildert, Fangzäune fehlen und Schneekanonen oder Masten sind nicht gepolstert.

Keine Pistenskitour bei geschlossenen Pisten?

Eine Pistenskitour ist bei eingestelltem Skibetrieb de facto nicht möglich, denn es handelt sich dabei momentan um eine Skitour im ungesicherten, alpinen Gelände. Bitte nehme die Sperrungen für Pistenskitourengeher unbedingt ernst – sie dienen nicht zuletzt Deiner Sicherheit! Beachte bei Skitouren in Skigebieten immer die örtlichen Regelungen und halte Dich an die unten beschriebenen Verhaltensregeln – dazu gehört in diesen Tagen natürlich auch Abstand halten zu anderen Wintersportlern!

1. Warum Skitouren auf Pisten?

Allen Kritikern zum Trotz: Mit Tourenski in Skigebieten unterwegs zu sein, hat einige Vorteile:

  • Skigebiete und ihre Pisten sind meist gut erreichbar und eignen sich daher besonders für einen Kurzbesuch.
  • Orientierungsprobleme sind bei Pistenskitouren eher selten. Spezielle Aufstiegsrouten für Tourengeher sind in der Regel gut sichtbar ausgewiesen. Gibt es keine Tourengeherroute, dann bietet auch der Pistenrand (FIS-Regel Nr. 7) eine Orientierungshilfe.
  • Wildtiere werden gleichzeitig in ihrer Winterruhe weniger gestört. Natürlich funktioniert das nur, wenn sich Tourengeher und Tourengeherinnen auch an die ausgewiesenen Routen halten.
  • Das Lawinenrisiko ist auf geöffneten Pisten äußerst gering bis nicht vorhanden. Es ist zwar sinnvoll, alpines Grundlagenwissen zu haben, ein Muss ist es jedoch nicht.
  • Das Fahren im Tiefschnee ist nicht Jedermanns Sache – gerade für Anfänger oder wenn vom Powder nur noch zerpflügte Hänge oder Bruchharsch übrig sind. Bei Pistentouren gibt es hier keine Schwierigkeiten, die Abfahrt erfolgt auf der präparierten Piste.
  • Abfahrende Skifahrer und aufsteigende Tourengeher lassen sich durch separierte Aufstiegsrouten räumlich gut voneinander trennen. In diesem Fall ist – in der Regel – die Gefahr möglicher Kollisionen gering.

2. Wie verhalte ich mich als Skitourengeher auf der Piste?

Eine gute und wichtige Orientierung bieten die DAV-Regeln für Skitourengeher, die so oder ähnlich auch von anderen Alpenvereinen veröffentlicht werden. Sie appellieren an den gesunden Menschenverstand, damit das Miteinander auf der Piste funktioniert und fassen die Sorgfaltspflichten eines Tourengehers zusammen.

DAV-Regeln für Skitourengeher auf Skipisten

Skipisten stehen in erster Linie den Nutzern der Seilbahnen und Lifte zur Verfügung!

Darüber hinaus gilt:

  • Aufstieg und Abfahrt erfolgen auf eigenes Risiko und eigene Verantwortung.
  • Nur am Pistenrand aufsteigen (FIS-Regel Nr. 7). Dabei hintereinander, nicht nebeneinander gehen. Auf den Skibetrieb achten.
  • Besondere Vorsicht an Kuppen, in Engpassagen, Steilhängen und bei Vereisung der Piste. Bei Pistenquerung möglichst einzeln gehen bzw. Abstände zueinander halten. Keine Querung in unübersichtlichen Bereichen.
  • Pistensperrungen, Warnhinweise und lokale Regelungen immer beachten.
  • Bei Pistenarbeiten sind die Pisten aus Sicherheitsgründen gesperrt. Insbesondere bei Einsatz von Seilwinden besteht Lebensgefahr.
  • Frisch präparierte Skipisten nur in den Randbereichen befahren. 
  • Auf alpine Gefahren, insbesondere Lawinengefahr, achten. Keine Skitouren durchführen, wenn Lawinensprengungen zu erwarten sind. Nur geöffnete Pisten sind vor Lawinen gesichert.
  • Skitouren nur bei genügend Schnee unternehmen. Schäden an der Pflanzen- und Bodendecke vermeiden.
  • Rücksicht auf Wildtiere nehmen. Bei Dämmerung und Dunkelheit werden Tiere empfindlich gestört. Hunde nicht auf Skipisten mitnehmen.
  • Regelungen an den Parkplätzen beachten, Parkgebühren bezahlen, umweltfreundlich anreisen.

Quelle: Deutscher Alpenverein e.V., Abteilung Natur- und Umweltschutz, Stand Januar 2019

An den zentralen Ausgangspunkten der Skigebiete stehen außerdem meistens unübersehbare Infotafeln mit Hinweisen zu Sicherheit und Naturschutz. Auch hier gilt: Lesen, verstehen und sich daran halten.

3. Wer haftet, wenn etwas passiert?

Pistenskitouren sind ganz klar ein Trend. Doch wer haftet eigentlich, wenn es zu einem Unfall bzw. einer Kollision kommt? Der Skigebietsbetreiber? Der schuldige Sportler? Beide Sportler oder gar der Hüttenwirt? Gar nicht so einfach. Denn: Es kommt darauf an, schreibt Sarah Lanzanasto vom Österreichischen Kuratorium für Alpine Sicherheit.

  • Tipp: Um als Tourengeher auf der möglichst sicheren Seite zu sein, gilt es die in den FIS-Regeln bzw. DAV-Regeln enthaltenen Sorgfaltspflichten einzuhalten. Ein grobes Fehlverhalten kann im Falle eines Unfalls zu einem Haftungsausschluss oder einer Haftungsteilung führen.
Skitour mit Kindern
Oft gibt es in Skigebieten nicht nur ausgewiesene Pisten, sondern auch ausgewiesene Skitourenrouten oder Skitourenlehrpfade. | Foto: Vaude/Kathrin Baumann

4. Sind Skitouren auf Pisten sicherer?

Wenn das Skigebiet offiziell geöffnet hat, kann man das so sagen. Denn nur bei geöffneten Pisten ist sichergestellt, dass ausgewiesene Skitourenrouten auch vor Lawinen gesichert sind und falls nötig Sprengungen vorgenommen wurden.

Außerhalb der Pisten oder wenn diese geschlossen sind, befindest Du Dich als Tourengeher im freien Skiraum und hast entsprechende Vorkehrungen zu treffen. Dazu gehört die Einschätzung von alpinen Gefahren, den Lawinenlagebericht zu lesen und anzuwenden, die Lawinenausrüstung dabeizuhaben und benutzen zu können. Denn auch in einem geschlossenen Skigebiet kann es mitunter zu Lawinenabgängen kommen.

In vielen Skigebieten wird die Präparierung der Pisten mit dem Windenseil vorgenommen. Das heißt, ein Stahlseil wird sehr straff längs entlang der Piste gesperrt – daran hängt (irgendwo) die Pistenraupe. Während dieser Arbeiten sind die Pisten gesperrt. Es bedeutet Lebensgefahr, dieses Gebot zu missachten. Das Seil ist zum Teil bis zu einem Kilometer gespannt und verhält sich im Fall der Fälle wie eine scharfe Klinge – also einfach das Abfahren um diese Zeiten sein lassen.

5. Brauche ich auf der Piste eine LVS-Ausrüstung?

Das Mitnehmen (und Beherrschen) der Ausrüstung für Lawinennotfälle schadet nie. Denn Du kannst nie wissen, was passiert. Allerdings ist es kein Muss und bist Du ausschließlich(!) zu den offiziellen Zeiten im gesicherten Skiraum und auf Pisten unterwegs, kannst Du auf die Ausrüstung an diesem Tag verzichten.

6. Wer profitiert vom Skitourengehen auf Pisten?

Skitourengeher im Heutal bei Unken
Manche Skigebiete, wie das Heutal bei Unken, sind bei Skitourengehern sehr beliebt. Für ein reibungsloses Miteinander wurde hier im Dezember 2018 eine eigene Aufstiegsspur samt Skitourenlehrpfad eröffnet. | Foto: Salzburger Saalachtal Tourismus

Gerade kleinere und weniger schneesichere Skigebiete werden für Tourengeher immer attraktiver gestaltet. Die Gebietsbetreiber freuen sich über die zusätzlichen Euros, die in den Kassen der Hütten und Parkautomaten bleiben. Auch gibt es auf manchen Hütten ein extra Sparschwein, dessen Futter am Ende den Pistenraupenfahrern zugute kommt.

7. Muss ich (immer) ein Tourengeherticket kaufen?

Mittlerweile ist in vielen der beliebten Pistentouren-Gebiete ein Tourengeherticket zu lösen. Dieses beinhaltet zum Teil auch einzelne Bergfahrten und/oder die Parkgebühren. Infos dazu liefert in der Regel die Webseite des Skigebietsbetreibers.

Diese Maßnahme wurde in der Vergangenheit schon häufig kontrovers diskutiert. Grundsätzlich sollte dabei klar sein, dass Du beim Aufstieg am Pistenrand oder auf ausgewiesenen Skitourenrouten als Tourengeher von den Annehmlichkeiten der Skigebiete und der bereitgestellten Infrastruktur profitierst – auch wenn Du den Lift selbst gar nicht nutzt. Auch bei der Abfahrt freuen sich die meisten Pistentourengeher über erstklassig präparierte Pisten – nicht nur dann, wenn das Gelände abseits der Beschneiungsanlagen noch schneefrei ist. Auch geräumte Parkplätze und Toiletten sind jedem willkommen. Angesichts der steigenden Zahlen an Pistengehern sollte klar sein, dass dieser Service nicht selbstverständlich umsonst sein kann.

8. Wo gibt es Skitourenlehrpfade und ausgewiesene Routen?

In einigen Skigebieten wie dem Classic-Skigebiet Garmisch Partenkirchen, am Kolben bei Oberammergau  oder dem Tegelberg im Allgäu wurden ausgewiesene Aufstiegsmöglichkeiten eingerichtet. Eine eigene Aufstiegsroute samt Skitourenlehrpfad gibt es seit Dezember 2018 auch im österreichischen Heutal bei Unken.

Praktischerweise bekommen Anfänger auf diesen Routen direkt noch eine Portion Wissen vermittelt, das sie gleich auf Skitour anwenden können.

9. Was tut sich in den Skigebieten?

Am Spitzingsee wurde ein Teil des dortigen Skigebiets stillgelegt und ist nun ein beliebtes Ziel für Tourengeher. Die ehemaligen Lifttrassen und Pisten geben genug Raum für Aufstieg und Abfahrt. So muss eigentlich niemand mehr auf den offiziellen Pisten des noch geöffneten Skigebiets westlich des Spitzingsees aufsteigen.

  • Die lokalen Regelungen für Skitourengeher in Pistenskigebieten des deutschen Alpenraums sind in einer übersichtlichen Liste beim DAV zu finden.

Mehr zum Thema Skitouren im Bergzeit Magazin

Rubriken und Themen

Abonnieren
Benachrichtige mich zu:
0 Comments
Inline Feedbacks
View all comments

Unsere Top Outdoor Kategorien


Bergzeit Magazin - Dein Blog für Bergsport & Outdoor

Willkommen im Bergzeit Magazin! Hier findest Du Produkttests, Tourentipps, Pflegeanleitungen und Tipps aus der Outdoor-Szene. Von A wie Alpspitze bis Z wie Zwischensicherung. Das Redaktionsteam des Bergzeit Magazins liefert zusammen mit vielen externen Autoren und Bergsport-Experten kompetente Beiträge zu allen wichtigen Berg- und Outdoorthemen sowie aktuelles Branchen- und Hintergrundwissen.