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Wenn die Felsen ‚brennen‘

Alpenglühen: Was ist das?

5 Minuten Lesezeit
Kurz vor dem Ende eines Tages lässt sich in den Bergen ein Naturphänomen beobachten, das uns Menschen magisch in den Bann zieht – das Alpenglühen. Wie entsteht es und wo liegen die Unterschiede? Wir haben uns umgehört.

Es ist ein mystisches Naturspektakel, welches sich besonders gut an klaren Tagen in der Bergwelt bestaunen lässt – das Alpenglühen. Im US-amerikanischen gibt es für das Naturschauspiel einen dem Deutschen ähnlichen Begriff, Alpenglow wird es dort genannt.

Von der untergehenden Sonne angestrahlte Felsen, geben das Streulicht des sich verabschiedenden Tages einer Leinwand gleich in den unterschiedlichsten Rottönen wieder. Das gesamte Lichtspiel dauert in seiner Hochphase nur wenige Minuten. Was bei den Betrachterinnen und Betrachtern bleibt, ist ein erhebendes Gefühl. Die Faszination, die von diesem Lichtspiel ausgeht, begeistert seit jeher die Menschen. Egal, ob Einheimischer oder wandernder, kletternder Tourist – die rot glühenden Felsen ziehen nachhaltig in ihren Bann!

Ein magisches Naturschauspiel, das uns alle fasziniert: das Alpenglühen!

Daniel Sessler

Ein magisches Naturschauspiel, das uns alle fasziniert: das Alpenglühen!


Zu welcher Tages- und Jahreszeit sieht man das Alpenglühen?

Das Alpenglühen lässt sich bei Sonnenauf- und -untergang bestaunen – denn dann lässt das schrägstehende Licht der auf- oder untergehenden Sonne den Berg leuchten. Das Naturschauspiel hat dabei nicht nur bei klarem Himmel seinen Reiz. Jedes Wetter lässt die in Rot getauchten Felsen in einem anderen Licht erscheinen. Im Winter wird das rote Licht des Alpenglühens an manchen Tagen gar über den Schnee bis hinauf in die Wolken gespiegelt. „Nach einem Gewitter ist es besonders schön“, weiß Kurt Klinec, Bergführer aus Serfaus in Tirol zu berichten.

Besonders gut lässt sich das Alpenglühen in den Herbstmonaten September und Oktober beobachten. In diesen zwei Monaten werden die rot erstrahlenden Felsen zusätzlich durch gelblich gefärbte Blätter der Bäume unterstützt, die den Farbeffekt nochmals verstärken.

Alpenglühen weckt Emotionen

Walther Dorfmann (80), ausgebildeter Biologe und ehemaliger Lehrer aus Klausen in Südtirol, hat in seinem Leben zahlreichen Sonnenuntergängen in den Bergen beigewohnt. Mit seiner Kamera hat er schätzungsweise 20.000 Aufnahmen der „glühenden“ Dolomiten gemacht. Bis heute berührt ihn das Naturschauspiel auf eine besonders emotionale Art. So ist es ihm seit jeher eine Herzensangelegenheit, Menschen in die Berge zu führen und ihnen ein besonderes Erlebnis mit auf den Weg zu geben. „Es ist ein Naturschauspiel, das sich nicht immer in Worte fassen lässt“, beschreibt er Enrosadira, wie das Alpenglühen in der heimischen ladinischen Sprache genannt wird. „Ich habe schon gestandene Manager von großen Firmen mit Tränen in den Augen dieses Naturschauspiel betrachten sehen“, so Walther über den emotionalen Aspekt beim Betrachten des Alpenglühens.

Daniel Sessler

„Glühende“ Felsen lassen uns demütig werden…


... und setzen ganz besondere, oft schier unbeschreibliche Emotionen frei.

Daniel Sessler

… und setzen ganz besondere, oft schier unbeschreibliche Emotionen frei.


Beim Erleben des Alpenglühens spiele die aktuelle persönliche Situation emotional hinein, so der Südtiroler. So gestaltet sich die Situation für denjenigen, der aus der Ferne bei einem Glas Wein auf die Berge im Sonnenuntergang schaut, anders, als für diejenigen, die beispielsweise in einer Felswand biwakieren und denen die Sonne zur Nacht noch ein paar letzte Strahlen schenkt.

Tipp: Lichtspiele achtsam erleben

Walther Dorfmann empfiehlt, sich dem Alpenglühen durch eine Wanderung langsam anzunähern, es auf dem Berg zu erleben und in der Dunkelheit, im Schein der Stirnlampen oder des Vollmondes, mit einem ortskundigen Führer hinunterzugehen. Nur so könne man das ganze Naturschauspiel in seiner Reinheit als Ganzes erfahren, erklärt der erfahrene Bergwanderführer. Er selbst liebt es, im Herbst im Vinschgau unterwegs zu sein. Das windige Tal, wie es auch bezeichnet wird, zaubert durch seine besonders klare Luft ein mildes, intensives Licht in die Natur, welches sich besonders zum Fotografieren eignet.

„Genau genommen beobachten wir beim Sonnenuntergang etwas, was eigentlich nicht mehr da ist“, weist der ehemalige Biologielehrer auf eine weitere Besonderheit hin.

Das Licht kommt bei uns später an, die Sonne ist eigentlich schon untergegangen.

Wir betrachten also ein Naturspiel, welches etwa sechs Minuten in der Vergangenheit liegt.“ Und er geht noch weiter in die Tiefe, als er erklärt, dass die Berge zwar auch am Morgen rötlich erscheinen, er aber das Alpenglühen klar in den Abend verorten würde. „Morgenrot und Alpenglühen am Abend sind zwei gänzlich verschiedene Lichtarten“, so Walther. „Auch unterscheidet sich die Sonnenstrahlung durch die Himmelsrichtung. Auf geht die Sonne im Osten, unter geht sie im Westen.“

Warum kann das Alpenglühen unterschiedliche Farben haben?

Alpenglühen und Abendrot unterschieden sich je nach Tal und Region in den Alpen erheblich. Abhängig ist dies unter anderem vom jeweiligen Winkel der Sonne zur Erde, der Luft und der Art des Gesteins. Silikatberge in den Westalpen geben dabei ein anderes Abendrot wieder als in den Dolomiten. In den Dolomiten finden wir ein Gestein aus Calcium- und Magnesiumcarbonat vor. Diese unterschiedlichen Gesteinsmischungen haben unmittelbare Auswirkungen auf die Farbgebung bei untergehender und aufgehender Sonne. Wenn die Strahlen der untergehenden Sonne auf die Felsformationen der Dolomiten fallen, erleuchten diese in den unterschiedlichsten Rot- bis ins Violett reichenden Farbtönen.

Beim Alpenglühen leuchtet der Berg in ganz unterschiedlichen Farben: von leuchtend Orange über Bronze hin zu Violett.

Daniel Sessler

Beim Alpenglühen leuchtet der Berg in ganz unterschiedlichen Farben: von leuchtend Orange über Bronze hin zu Violett.


Alpenglühen und das Klima

„Abendrot – Schönwetterbot, Morgenrot – Schlechtwetterbot“, diese althergebrachte Weisheit lässt sich nicht ohne Weiteres als eine meteorologisch zuverlässige Prognose bezeichnen, so die beiden Experten. Als Anhaltspunkt können diese dennoch dienen, wenn die flacher werdenden Sonnenstrahlen zusätzlich auf Wolken treffen, die höher als die örtlichen Berge sind, wie Kurt Klinec zu berichten weiß. Auf den ersten Blick nicht erkennbar: Das veränderte Klima lässt sich an einer intensiv gewordenen Färbung beim Alpenglühen erkennen. Der Grund: Es ist wärmer geworden, die Luftfeuchtigkeit in den Bergen hat zugenommen. Auch der Wind hat zugenommen. Die Luft wird quasi regelmäßig leer gefegt, vom Schmutz befreit, das Licht kann leichter durchscheinen. Die erhöhte Anzahl an Feuchtigkeitskristallen spiegelt das Rot umso mehr.

Besondere Orte, um Alpenglühen zu bestaunen

  • Südtirol, Italien

Das Enrosadira lässt sich an vielen Orten genießen. Unter anderem an diesen besonderen Felsformationen: Rosengarten, Sella Massiv und Drei Zinnen.

  • Salzburger Land, Österreich

Das Steinerne Meer in Saalfelden und die Leoganger Steinberge sind eine ideale Leinwand der Natur. Tipp: Vom „Stillen Wasser“ am Asitz in Leogang lässt sich das Alpenglühen am Abend in einer besonderen Atmosphäre genießen!

  • Allgäu, Deutschland

Am Eibsee mit Blick auf die Zugspitze lässt sich das Naturschauspiel wunderbar verfolgen.

  • Wallis, Schweiz

Blick vom Stellisee Richtung Matterhorn. Hier lässt sich eine der markantesten Bergspitzen des Alpenraumes im leuchtenden Rot bestaunen.

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