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Erstbesteigung im Himalaya

Expedition Shivling Nordwand: Walter Hölzler im Interview

10 Minuten Lesezeit
Der Shivling ist ein 6.543 Meter hoher Berg im Himalaya. Seine Form gleicht einer Pyramide, daher ist der Berg auch als "Matterhorn Peak" bekannt. Die Herausforderungen am Shivling sind allerdings ungleich härter. Walter Hölzler wird sich diesen stellen.
Shivling Nordwand Expedition | Foto: Walter Hölzler
Walter Hölzler ist als Skilehrer, Bergführer und Klettertrainer viel herumgekommen in der Welt des Bergsports. Das nächste ambitionierte Ziel des Allgäuers ist die Shivling Nordwand im nordindischen Himalaya.

Als Walter Hölzler im Kindesalter mehr oder weniger zwangsläufig mit dem Skifahren begann, stellte er unbewusst die ersten Weichen für seine zukünftige Berufung. In der ersten Schulklasse wollte er sich bei der Nachfrage zu seinem Berufswunsch noch nicht ganz genau festlegen – Indianer, Skirennläufer und Bergführer konnte er sich bereits vorstellen. Zwei dieser Berufswünsche hat sich Walter Hölzler bis heute erfüllt, der Bergsport und die Natur bestimmen dabei seinen Lebensrhythmus. Jetzt hat sich der Allgäuer zusammen mit einem erfahrenen Team aus Topalpinisten die Shivling Nordwand im nordindischen Himalaya vorgenommen. Valentin Sauer hat sich mit Walter über das Vorhaben an der Shivling Nordwand unterhalten.

Walter, Du planst im Mai 2014 den Shivling im nordindischen Himalaya über eine neue Route zu besteigen. Warum habt Ihr Euch genau dieses Ziel ausgesucht?
Walter Hölzler: Der Shivling gehört sicherlich zu den schönsten Bergen der Welt und wird nicht umsonst auch „Matterhorn des Himalaya“ genannt. Wer schon einmal vor ihm stand, wird diesen majestätischen Anblick nie vergessen. 1996 gelang mir bereits eine Eintages-Speedbegehung am vermeintlich leichten Westgrat. Dazu muss ich erwähnen, dass es keine wirklich leichte Route auf den Gipfel gibt. Kein Wunder, warum er eher selten bestiegen wird. Ein weiteres Argument ist, dass die Region im Gharwal Himalaya politisch relativ sicher ist, im Gegensatz zu Pakistan, Kirgistan, Nepal oder Tibet.

Shivling vom Baghirathi | Foto: Walter Hölzler
Die Herausforderungen sind komplex. Rund 60 Seillängen schwere Kletterei, d.h. etwa fünf Tage am Berg mit allem drum und dran. Spielt das Wetter nicht mit, verzögert sich die Besteigung oder wird gar unmöglich. Bei viel Schnee in der Nordwand muss ein Plan B parat sein.

Wie und wann hattet Ihr die Idee für diese Expedition?
Walter Hölzler: Wir hatten bereits im letzten Jahr die Expedition geplant, doch es kam kein Team zustande, das für unser Unternehmen geeignet gewesen wäre. Interessenten gab es mehrfach. Doch als ich ins Detail ging und erläuterte welche Schwierigkeiten zu erwarten sind, sprangen sie wieder ab.

„1996 gelang mir bereits eine Eintages-Speedbegehung am vermeintlich leichten Westgrat.“

Der Shivling kann auf eine lange Geschichte großer Expeditionen sowie Erstbesteigungen von Bergsteigern wie Doug Scott oder Thomas Huber zurückblicken. Welche Route plant Ihr und was macht diese so besonders?
Walter Hölzler: Ja das stimmt, an diesem Berg haben sich einige der weltbesten Extrembergsteiger der vergangenen Jahre verewigt. Das spiegelt wieder, wie anziehend aber auch wie schwierig der Berg ist. Ich denke, wir brauchen uns da nicht zu verstecken. Rainer Treppte und ich können auf eine lange Expeditionserfahrung an schwierigen Bergen der Welt zurückblicken. Unsere Route ist lange geplant und spiegelt mehrere Gesichtspunkte wieder: Sie ist ästhetisch in der Linienführung, hat schwere Eis- und Felspassagen und ist von den objektiven Gefahren relativ sicher. Wir wollen anspruchsvoll klettern, aber uns nicht lebensgefährlich bedrohen. Alle haben wir eine Familie zu Hause.

„Wir wollen anspruchsvoll klettern, aber uns nicht lebensgefährlich bedrohen. Alle haben wir eine Familie zu Hause.“

Was werden die besonderen Herausforderungen dieser Route sein?
Walter Hölzler: Die Herausforderung einer solchen Route ist extrem komplex. Allein die Kletterlänge beträgt rund 60 Seillängen in teilweise hohen Schwierigkeitsgraden. An den großen Routen des Berges kam keine Seilschaft unter fünf Tagen auf den Gipfel. Und das waren, wie oben schon erwähnt, Spitzenbergsteiger. Wir müssen also Material für mindestens fünf bis acht Tage mit in die Wand nehmen. Das allein ist schon eine logistische Herausforderung. Ein weiteres großes Problem stellt die Wettervorhersage dar, denn in Indien ist es verboten ein Satelliten-Telefon zu benutzen. Wir wissen also nicht wie sich das Wetter während dieser Kletterei entwickeln wird. Der Abstieg vom Gipfel ist verhältnismäßig schwierig. Auch das bereitet uns noch ein wenig Kopfzerbrechen. Erst vor Ort werden wir im Team die genaue Vorgehensweise besprechen. So müssen wir bei viel Schnee in der Nordwand einen Plan B parat haben.

Bei dieser Tour wirst Du Dich auf starke Partner verlassen müssen. Wer wird Dich begleiten?
Walter Hölzler: Wenn alle gesund und fit bleiben wollen wir den Berg in zwei Teams (Anm. d.Red: näheres siehe letzte Seite) angehen. Eine Dreierseilschaft klettert über eine schwierige Route und die andere Zweierseilschaft erkundet den nicht einfachen Westgrat zum Gipfel, über den wir alle wieder absteigen werden.

Shivling vom Baghirathi | Foto: Walter Hölzler
Der Shivling und der Meru Peak. Erst 1974 konnte der Shivling von Laxman Singh bestiegen werden. Im Jahr 2000 waren auch der Deutsche Thomas Huber und der Schweizer Iwan Wolf am direkten Nordpfeiler (VII./A4) erfolgreich.

Habt Ihr bereits in dieser Team-Konstellation Erfahrung als Seilpartner sammeln können?
Walter Hölzler: Wie bereits oben erwähnt, kennen wir uns alle in unterschiedlichen Konstellationen und haben uns vor der Expedition zur Vorbereitung getroffen. Das müsste passen.

Du hattest das Ziel bereits mehrfach im Auge, woran sind die Vorbereitungen bisher gescheitert?
Walter Hölzler: Die Planung einer solchen Leistungsexpedition dauert rund ein halbes bis ein dreiviertel Jahr. Man benötigt mindestes fünf Wochen Urlaub, ohne die Vorbereitungszeit. Man muss mit rund 5.000 Euro Kosten rechnen, ohne die persönliche Ausrüstung. Und man muss ein leistungsfähiges Team zusammenbekommen. Des Weiteren beschränkt sich die Kletterzeit im Himalaya auf nur wenige Wochen im Jahr. Einmal im Vormonsun und einmal im Nachmonsun. All das sind Faktoren, die nicht leicht zu vereinen sind. Meist scheitern solche Unternehmungen an leistungsfähigen Partnern. Wenn man die internationalen Expeditionsstatistiken von schwierigen Routen der letzten Jahre im Himalaya durchgeht, wird man feststellen, dass selten Deutsche darunter sind.

2010 in der Ostwand des Le Esfinge in Peru | Foto: Walter Hölzler
Walter Hölzler 2010 in der Ostwand des Le Esfinge in Peru. Erfahrungen wie diese und ein gutes Trainingsniveau sind für die Shivling Nordwand absolut notwendig. Seine Partner sind mindestens genauso professionell vorbereitet.

Wie bereitet Ihr Euch psychisch und physisch auf so eine Expedition vor? Habt Ihr einen speziellen Trainingsplan?
Walter Hölzler: Da hat jeder so seinen eigenes Konzept. Ich versuche mich während 365 Tagen im Jahr auf einem ordentlichen Trainingsniveau zu halten. Trotzdem steht seit rund sechs Monaten der Shivling im Fokus meiner speziellen Vorbereitung. Gezieltes Ausdauertraining, Bergläufe und Winterklettern gehören dazu. Rainer war mehrfach in der Schweiz und in Chamonix beim Mixedklettern. Niels nutzte die Berchtesgadener Alpen zum Training. Mental sind wir alle schon seit Wochen auf Expedition. Jeden Tag, wenn ich meinen Computer starte, erscheint die Shivling Nordwand auf meinem Desktop. Ich denke 24 Stunden darüber nach, was uns am Berg erwarten könnte. Alle Mitglieder sind per Telefon und per Mail ständig in Kontakt und tauschen sich aus.

„Mental sind wir alle schon seit Wochen auf Expedition.“

Es ist natürlich interessant, wie viel und welche Ausrüstung Ihr für diese Expedition einplant. Kannst Du uns kurz zusammenfassen, wie viel Gepäck Ihr dabei haben werdet?
Walter Hölzler: Für unser Fünf-Mann-Team haben wir bereits 18 Expeditionstonnen à 25 Kilo per Luftfracht verschickt. Dazu kommen nochmals à 25 Kilogramm Reisegepäck für jeden Teilnehmer dazu. Das sind schon mal 575 Kilogramm. Für die Basislager Ausrüstung und Verpflegung, die wir in Indien besorgen, rechnen wir mit weiteren 350 Kilogramm. All das wird mit Hochträgern ins Basecamp transportiert. Danach gehen diese wieder ins Tal. Am Berg arbeiten wir ohne weitere Unterstützung im Alpinstil. Da sieht man schon mal welche Logistik für ein Fünf-Mann-Team lange vor dem Start einer Expedition notwendig ist, obwohl wir uns nur auf das Notwendigste beschränken wollen.

„Am Berg arbeiten wir ohne weitere Unterstützung im Alpinstil“

Walter Hölzler, 1988 in Nepal am Shisha Pangma | Foto: Walter Hölzler
Walter Hölzler 1988 – ein Allgäuer als jüngster Achttausender-Besteiger Europas in Nepal am Shisha Pangma. Seitdem hat sich einiges verändert -vor allem bei der Ausrüstung, die leichter und noch robuster geworden ist.

Worüber müsst Ihr Euch bei der Vorbereitung besondere Gedanken machen?
Walter Hölzler: 
Hunderte Fragen sind lange vor dem Start zu beantworten: Zum Beispiel, welche Stirnlampe wie lange in der Kälte hält? Was machen wir, wenn ein Steigeisen kaputt geht? Welche Handschuhe sind zweckmäßig? Welchen Schlafsack nehmen wir mit in die Wand?Biwakieren wir in einem Hochlagerzelt oder ein Portaledge? Welche Kocher funktionieren in der Höhe am besten? Wo ist Gas zu organisieren? Im Flugzeug ist das Mitnehmen von Gas verboten. Welche Feuerzeuge funktionieren in der Höhe? Was und wie viel essen wir während der Expedition? Welche Medizin benötigen wir? Welche Seile sind zweckmäßig? Wie viel Haken, Eisschrauben, Keile und Friends benötigen wir? Seit Wochen tüfteln wir an der Ausrüstung herum. Denn wenn wir erst im Basislager feststellen, dass etwas fehlt, ist es bereits zu spät. Der gute Kontakt zu Sponsoren und Partnern wie Bergzeit ist dabei äußerst wichtig. Innerhalb kürzester Zeit müssen oft noch einzelne Ausrüstungsgegenstände beschafft oder ausgetauscht werden. Die Expeditionshandschuhe und die Thermarest Matten wurden mir von Bergzeit innerhalb drei Tagen zugeschickt, so dass alles noch ins Cargo-Gepäck verstaut werden konnte. Welch ein Glück auch hier ein gutes Team im Hintergrund zu haben. Meine Expeditionserfahrung mit dem speziellen Equipment, das wir am Shivling nutzen, werde ich Euch von Bergzeit anschließend zur Verfügung stellen, so dass Ihr Eure Kunden weiterhin optimal beraten könnt.

Ihr werdet am Berg aufgrund der lokalen Gesetzgebung kein Satellitentelefon nutzen können. Wann werden wir mit Neuigkeiten zu Eurer Expedition rechnen können?
Walter Hölzler: Ja, auf Grund von Terrorabwehr ist es verboten SAT-Telefone in Indien einzuführen. Das tut uns mehrfach weh. Zum einen können wir keinen Wetterbericht abrufen und zum anderen haben wir über ein paar Wochen keinen Kontakt zur Außenwelt. Wir können also erst nach der Expedition, Ende Mai/Anfang Juni hier von unserem Abenteuer berichten.

Vielen herzlichen Dank für das Interview Walter! Ich wünsche Dir und Deinen Partnern und Mitstreitern auf der Expedition alles erdenklich Gute und viel Erfolg! Kommt gesund und munter wieder zurück!

  • Update und Lesetipp: Wie Walter Hölzler und sein Team die Expedition erlebten, kannst Du hier nachlesen!

Das Nordwand-Team

Rainer Treppte (staatl. gepr. Bergführer) wohnt in Immenstadt im Allgäu und  hat bereits mehrere extreme Routen im Himalaya und in Patagonien geklettert. So z.B. die Eternal Flame am Trango Tower oder die Royal Flash am Fitz Roy. Mit ihm und Robert Jasper war Walter Hölzler vor zehn Jahren am gegenüber liegenden Bhagirathi Südwestpfeiler. 

Niels Delenk (Heeresbergführer) lebt in Bad Reichenhall und kam durch Walter Hölzler zum Expeditionsbergsteigen. Gemeinsam mit Hölzler kletterte Delenk die African Skyline (Erstbegehung) am Mt. Kenia. Vor drei Jahren gelangen dem Duo im Alpinstil drei anspruchsvolle Sechstausender innerhalb einer Woche in den Anden. Als Gebirgsjäger bei der Bundeswehr gehören Disziplin und Durchhaltevermögen zu seinem Tagesgeschäft. Genau das braucht das Team in einer solch langen und schwierigen Route.

Walter Hölzler (staatl. gepr. Bergführer, Skilehrer und Diplomtrainer Sport- und Wettkamfklettern) lebt in Oberstaufen im Allgäu und unternimmt seit den späten 1980er-Jahren regelmäßig anspruchsvolle Berg-Expeditionen.

Das Westgrat-Team

Henning Stoll aus Stuttgart hat bereits große Erfahrung in alpinen Routen an den 4.000ern den Alpen gesammelt und ist ein langjähriger Kletterpartner von Rainer Treppte. Es ist seine erste Expedition im Himalaya.

Heiner Heim aus Luzern in der Schweiz kennt die Eiger Nordwand und den Walker-Pfeiler am Grandes Jorasses. Am Ama Dablan in Nepal schnupperte er vor ein paar Jahren erste Himalaya-Luft, musste aber damals krankheitsbedingt auf einen Gipfelgang verzichten. Als aktiver Hochtourenführer beim Schweizer Alpenclub (SAC) kann er auf eine fundierte Hochgebirgsausbildung zurückgreifen.


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