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Skibergschuh fürs Hochgebirge

Arc’teryx Procline Carbon Lite Tourenstiefel im Test

6 Minuten Lesezeit
Mit dem Procline Carbon Lite hat Arcteryx einen hochalpinen Skibergschuh entwickelt, der in der Szene für Begeisterung sorgt. Bergzeit Magazin Autor Martin Blum hat dem Flexibilitätswunder auf mehreren Skihochtouren genauestens aufs Profil gefühlt.

Ein wasserdichter, für hochalpine Verhältnisse geeigneter Tourenstiefel mit Pin-Aufnahme und Vibram-Sohle, der nur 1.600 Gramm wiegt? Dazu eine herausragende Bewegungsfreiheit am Sprunggelenk in Laufrichtung und ein patentiertes System, das auch seitlich ausreichend Flexibilität für die Trittfindung ermöglicht – das sind fast schon zu viele Superlative für den Arc’teryx Procline Carbon Lite Tourenstiefel, die ein wenig zweifeln lassen – kann der Schuh wirklich so viel?

Der erste Skihochtourenstiefel von Arc’teryx

Arc’teryx hat es nach vier Jahren Entwicklungsarbeit tatsächlich getan – und einen marktreifen Skitourenstiefel rechtzeitig zur ISPO 2016 vorgestellt. Die Auslieferung der – wie bei Arc’teryx üblich – limitierten Serie an ausgesuchte Händler läuft bereits.

Skitourenschuh-Neuentwicklungen in Europa zielen seit etwa drei bis fünf Jahren primär auf den Skitouren-Rennbereich ab. Der Fokus liegt hier eher auf extrem leichten Tourenstiefeln, die ein völlig anderes Einsatzprofil als Standard-Skitourenschuhe haben. Auf der anderen Seite betreiben Hersteller gerne die Synthese aus Skitouren- und Freerideschuh, was die Schuhe schwer und unbeweglich macht.

Der Procline punktet überall

Arc’teryx hat den Procline Carbon Lite hingegen robust genug zum Bergsteigen, beweglich genug fürs Eisklettern sowie für Felsklettern und warm genug für widriges, hochalpines Klima gemacht. Das ist nicht nur mit ein paar kleinen Änderungen umgesetzt worden, die den Schuh „ein bisschen“ mehr in die hochalpine Richtung als die Konkurrenz platzieren. Für mich ist der Procline Carbon Lite tatsächlich der große Wurf für diesen Einsatzbereich!

Wer mit Arc’teryx als Marke bekannt ist, weiß, dass die Produkte der Kanadier schon mehrmals für echte Begeisterungsstürme im Fachpublikum gesorgt haben. Zudem hat Federico Sbrissa, der schon zuvor die Skitourenschuhentwicklung wie kein anderer bestimmt hat, das Entwicklungsteam angeführt. Die Schuhschmiede von Salomon unterstützte die Umsetzung darüber hinaus auf der technischen Seite.

Was kann der Arc’teryx Procline Carbon Lite?

Das in alle Richtungen freie Sprunggelenk sorgt für optimale Flexibilität. | Foto: Martin Blum
Das in alle Richtungen freie Sprunggelenk sorgt für optimale Flexibilität. | Foto: Martin Blum

Die Antwort auf diese Frage ist ganz einfach: Abseits der Skiautobahnen alles besser! Der Tourenstiefel ist vergleichsweise kompakt konstruiert und verfügt über eine griffige Vibram-Sohle. Man hat mit dem Leichtgewicht keineswegs das Gefühl, einen klobigen Ski(touren)schuh an den Füßen zu haben. Egal ob Trittsuche am Felsen oder Fuß aufsetzen im schroffen Gelände – all das kommt einem aufgrund des verringerten Volumens und des leichten Gewichts deutlich müheloser vor als mit einem vergleichbaren „Standard-Skitourenschuh“.

Der direkte Antritt sorgt für ein erhöhtes Sicherheitsgefühl und spart Kraft. Der Trittschutz über der Zehenkappe ist so zuverlässig, dass man sich trotz des filigranen Tragegefühls traut, mit dem Fuß gegen festgepackten Schnee und Eis zu schlagen. Zudem sitzen die Schnallen auf und nicht an der Seite des Procline Carbon Lite, so dass nichts abreißen kann.

Die Schaftkonstruktion – ein echtes Unikum

Der Schaft besteht – und das ist ein Alleinstellungsmerkmal – aus zwei Halbschalen. Dadurch können sich die zwei Hälften (begrenzt durch ein Trapez) seitlich bewegen. So ist endlich ein Positionieren des Fußes durch einen seitlichen Sprunggelenkswinkel möglich. Der Halt in Querungen oder auf schrägen Untergründen ist auf diese Weise um ein Vielfaches besser – besonders mit Steigeisen. Das trifft übrigens auch für den Ski-Aufstieg mit Harscheisen zu.

Bei bisherigen Schuhtypen konnte man diese Flexibilität nur durch das Öffnen der Hauptschnalle erreichen, was aber zu einem unangenehmen Reiben im Schuh und zu großem Krafteverlust geführt hat. Mit dem Arc’teryx Procline Boot kann man die Hauptschnalle getrost geschlossen lassen. Der ganze Schaft bewegt sich geräuschlos in seinen Gelenken zur Seite und nach vorne bzw. hinten.

Maximale Flexibilität und perfekter Halt bei der Abfahrt

Die geschlossenen Schnallen am Schaft störten beim Aufstieg nicht im Geringsten. Während des Bewegungsablaufs entsteht dabei kein nennenswerter Widerstand. Der Schaft entbehrt zudem jeglichen Anschlags, einzig das eigene Sprunggelenk limitiert die Bewegung nach vorne und hinten.

Ich ließ die Schnalle sogar den ganzen Tag lang bei komplexen Touren mit Steigeisen, mehrfachen Aufstiegen und Abfahrten immer in der festen, abfahrtsorientierten Stellung. Nur der Hebel zum Arretieren der frontalen und seitlichen Schaftbewegung wurde betätigt. Zum Ende des Tages fühlen sich Füße und Beine immer noch unbelastet an – ganz im Gegensatz zum sonst üblichen Reiben und Quetschen in Skitouren- oder Bergschuhen.

Stichwort Abfahrt: Die tiefe und trotzdem stabile Vorlage-Position des Procline in Abfahrtsposition hat ihre Stärken da, wo der Fahrer jederzeit direkt agieren muss: Springen in engen Couloirs oder steilem, eisigen Gelände. Speziell dann wenn man die Abfahrtstechnik auf (unvorhergesehene) Schneebeschaffenheitsänderungen hin ändern muss und bei tiefen, sportlichen, kantenden und bewegungsbereiten Fahrpositionen spielt der Procline seine Vorteile voll aus!

Die Schale des Procline Carbon Lite ist in der oberen Hälfte übrigens mit einer wasserdichten Membran ausgestattet, in die man wie bei Expeditionsstiefeln mit dem Innenschuh hineinschlüpft. Dieser Membran-Schaft ist durch den Carbon-Schaft an genau den Stellen eingefasst, wo Kräfte übertragen und ein komfortabler Sitz gewährleistet werden soll. Sonst ist diese Membran und der sich darin befindliche Innenschuh frei beweglich, was zu einer Verringerung des Gewichts, mehr Bewegungsfreiheit und zu einer bei Hartschalenschuhen unerreichten Atmungsaktivität führt.

Skitourenschuh für den harten Hochgebirgseinsatz

Gerade diese Membran ermöglichte es uns Bergtouren durchzuführen, die mit schneefreien Bachdurchquerungen anfingen und nachmittags wieder in warmen, sogar schlammigen Abstiegen endeten. Dabei führte das Gefühl eines immer trockenen, nie zu warmen und auch nie zu kalten Fußes zu richtigen Aha-Erlebnissen!

Der Arc’teryx Procline Carbon Lite wird mit Pin-Supports ausgeliefert, um den Bindungsentwicklungen im hochalpinen Bereich (Marker Kingpin, BAM Pinding) Rechnung zu tragen. Für den Einsatz von Fersenautomaten wie bei der Kingpin muss man jedoch die Ferse des Schuhs mit gängigen Supports (Adaptern) verstärken. Arc’teryx bietet darüber hinaus zweierlei Innenschuhe an: Den sogenannten „Lite-“ und den „Support-Liner“. Ersterer ist leicht mit direktem Schuhkontakt, der zweite komfortabler.

Fazit zum Arc’teryx Procline Carbon Lite

Der äußerst wertige Arc’teryx Procline Carbon Lite wurde für harte Skitouren und Skihochtouren über mehrere Tage konzipiert, die bei sehr wechselhaften und anspruchsvollen Bedingungen stattfinden. Er wird den hohen Ansprüchen, die an einen solchen Highend-Schuh gestellt werden, auf Anhieb gerecht. Um mit dem Schuh auch bergab Spaß zu haben, sollte man über ein sehr gutes skifahrerisches Können verfügen. Die sportliche Vorlage mit kräftigem Schaft ist nichts für Genusskifahrer oder gar Einsteiger.

Meiner Meinung ist dieser Stiefel weder für rennorientierte Skitourengeher noch für Freerider geeignet. Vielmehr ist er ganz einfach die perfekte Lösung für echte Skibergsteiger, die möglichst viele Abfahrten und vor allem echte Berg- und Kletterabenteuer in Fels und Eis auf einer hochalpinen Tour erleben möchten. Der Schuh unterstützt alle Spielarten hochalpinen Skibergsteigens optimal – egal ob Aufstieg, Kletterei, Querungen und Abfahrten bei schwierigen Schneeverhältnissen.

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